Erlebte Folgen einer ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter – eine qualitative Studie
Sara Lina Hansson Hallerod, Henrik Anckarsater, Maria Rastam, Marianne Hansson Scherman (2015)
BMC Psychiatry 15, 31
Zusammenfassung
HINTERGRUND: Trotz zunehmender Kenntnisse über Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) über die gesamte Lebensspanne hinweg gibt es weiterhin wenige Studien zu den Erfahrungen Erwachsener mit der Diagnose ADHS. Ziel der vorliegenden Studie war es, die Erfahrungen und Wahrnehmungen von Patientinnen und Patienten mit der Diagnose ADHS im Erwachsenenalter zu erforschen und zu beschreiben. Die Studie kann als Versuch verstanden werden, die Diagnose aus Patientensicht zu validieren. METHODEN: Einundzwanzig Erwachsene mit der Diagnose ADHS wurden einzeln interviewt. Die Interviews waren offen und explorativ angelegt, wurden mit einem qualitativen phänomenografischen Ansatz analysiert und die Ergebnisse kategorisiert. ERGEBNISSE: Positive Erfahrungen überwogen, jedoch zeigten sich komplexe intra- und interindividuelle Unterschiede. Die Beschreibungen konzentrierten sich auf die Diagnose, die Identität und das Leben. Die Diagnose wurde als Erklärung für eine zuvor unerklärliche Lebensgeschichte beschrieben, aber auch hinterfragt, sowohl als Phänomen als auch in Bezug auf die Person (die Diagnose im Fokus). Die Diagnose wurde als Quelle von Selbsterkenntnis und gesteigertem Selbstwertgefühl erlebt, konnte aber auch zu Abwertung und Identitätskrisen führen (Fokus: Identität). Sie bedeutete Hilfe für ein besseres Leben, wurde aber auch als Einschränkung von Möglichkeiten und Enttäuschung über mangelnde professionelle Unterstützung wahrgenommen. Sie konnte den Wunsch nach einer früheren Diagnose wecken, die Leid hätte ersparen können, sowie eine veränderte Sicht auf die Angehörigen der Teilnehmenden zur Folge haben (Fokus: Leben). Alle bis auf eine Person berichteten von wichtigen positiven Folgen der ADHS-Diagnose. Etwa die Hälfte räumte negative Aspekte der Diagnose ein, aber niemand bereute die neuropsychiatrische Untersuchung. FAZIT: Aus Patientensicht hat die Diagnose ADHS im Vergleich zu einer nicht diagnostizierten Situation erhebliche positive Folgen. Die Kenntnis der individuellen Erfahrungen ist für Fachkräfte wichtig, da diese das Wohlbefinden beeinflussen und die Behandlung beeinträchtigen können. Insbesondere negative Erfahrungen sollten in der Therapie thematisiert werden.
Kategorien: ADHS bei Erwachsenen, Diagnostik, Therapie
Schlagwörter: ADHS, ADHS im Erwachsenenalter, Erwachsene, Diagnostik, Hyperaktivität, Geschlecht
