Erwachsene mit ADHS – Ein Überblick
P. H. Wender, L. E. Wolf & J. Wasserstein (2006)
Annals of the New York Academy of Sciences, 931: 1–16
Zusammenfassung
Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine häufige, genetisch übertragene neurologische Störung mit Beginn in der Kindheit, die wahrscheinlich durch eine verminderte dopaminerge Gehirnfunktion vermittelt wird. Der Erstautor gehörte zu den ersten, die das Fortbestehen der Symptome bis ins Erwachsenenalter beschrieben. Daten zu Prävalenz und natürlichem Verlauf legen nahe, dass von den 3 bis 10 % der Kinder mit diagnostizierter ADHS ein bis zwei Drittel (etwa 1 bis 6 % der Allgemeinbevölkerung) bis ins Erwachsenenalter relevante ADHS-Symptome zeigen. Dieser Beitrag beschreibt, wie ADHS bei Erwachsenen trotz Ähnlichkeit mit oder gleichzeitigem Auftreten anderer psychiatrischer Störungen zuverlässig diagnostiziert und behandelt werden kann. Die Wender-Utah-Diagnosekriterien berücksichtigen die Merkmale der Störung im Erwachsenenalter. Fremd- und Patienteninterviews sowie Bewertungsskalen werden verwendet, um den psychiatrischen Status des Patienten in der Kindheit zu bestimmen, rückblickend eine ADHS-Diagnose für die Kindheit zu stellen und die aktuelle Diagnose im Erwachsenenalter festzulegen. Eine strenge Diagnostik ist entscheidend für die Bestimmung einer wirksamen Behandlung. Dopaminagonistische Stimulanzien scheinen bei der Behandlung der ADHS am wirksamsten zu sein. Etwa 60 % der Patienten unter Stimulanzienmedikation zeigten eine mäßige bis deutliche Verbesserung, verglichen mit 10 % unter Placebo. Für die Kernsymptome Hyperaktivität, Unaufmerksamkeit, Stimmungslabilität, Temperament, Desorganisation, Stressempfindlichkeit und Impulsivität wurde ein Ansprechen auf die Behandlung mit Stimulanzien gezeigt. Nicht-dopaminerge Medikamente wie trizyklische Antidepressiva und SSRIs waren bei Erwachsenen mit ADHS ohne Depression oder Dysthymie im Allgemeinen nicht nützlich. Pemolin ist für diese Patienten nicht mehr zugelassen, trotz früher positiver Berichte. Die angemessene Behandlung erwachsener Patienten mit ADHS ist multimodal. Psychoedukation, Beratung, unterstützende problemorientierte Therapie, Verhaltensinterventionen, Coaching, kognitive Remediation sowie Paar- und Familientherapie sind nützliche Ergänzungen zur medikamentösen Behandlung. Eine begleitende unterstützende psychosoziale Behandlung oder Polypharmazie kann bei Erwachsenen mit komorbider ADHS sinnvoll sein.
Kategorien: ADHS bei Erwachsenen
Schlagwörter: ADHS, Kinderpsychiatrie, Erwachsenenpsychiatrie, psychiatrische Diagnostik, Stimulanzienmedikation, Dopamin
