Frontale Hirnasymmetrie bei Erwachsenen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS): Erweiterung der Hypothese einer motivationalen Dysfunktion
Philipp M. Keune, Eva Wiedemann, Alexander Schneidt, Michael Schönenberg (2014)
Clinical Neurophysiology
Zusammenfassung
Ziel: Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) geht mit einer motivationalen Dysfunktion einher, die durch übermäßige Verhaltenstendenzen zur Annäherung gekennzeichnet ist. Eine frontale Hirnasymmetrie im Alphaband (8–13 Hz) im Ruhe-Elektroenzephalogramm (EEG) stellt ein neuronales Korrelat globaler motivationaler Tendenzen dar; bei pädiatrischen und erwachsenen Patienten wurde eine abnorme Asymmetrie beobachtet, die auf eine erhöhte Annäherungsmotivation hinweist. Bislang sind der Zusammenhang zwischen ADHS-Symptomen, Depression und Alpha-Asymmetrie, deren zeitliche Messeigenschaften sowie eine mögliche Geschlechtsspezifität noch zu untersuchen.
Methoden: Erwachsene ADHS-Patienten (n = 52) nahmen im Abstand von zwei Wochen an zwei Ruhe-EEG-Ableitungen teil. Die Asymmetriemaße wurden über beide Messungen zusammengefasst, um die Traitspezifität zu erhöhen. Untersucht wurden mögliche regionsspezifische Zusammenhänge zwischen Asymmetrie, ADHS-Symptomen und Depression, deren Geschlechtsspezifität sowie die Test-Retest-Reliabilität.
Ergebnisse: ADHS-Symptome waren mit einer annäherungsbezogenen Asymmetrie verbunden (stärkere relative rechtsfrontale Alpha-Leistung). Die annäherungsbezogene Asymmetrie war bei Frauen ausgeprägter und ebenfalls mit Depression assoziiert. Dieser Zusammenhang wurde durch ADHS-Symptome vermittelt. Die Test-Retest-Reliabilität war ausreichend.
Schlussfolgerungen: Der Zusammenhang zwischen zuverlässig erfassbarer Alpha-Asymmetrie und ADHS-Symptomen unterstützt die Hypothese einer motivationalen Dysfunktion. Dass ADHS-Symptome einen atypischen Zusammenhang zwischen Asymmetrie und Depression vermitteln, könnte auf eine sekundär infolge der ADHS entstehende Depression zurückzuführen sein. Die geschlechtsspezifischen Befunde bedürfen der Replikation.
Bedeutung: Die frontale Alpha-Asymmetrie könnte einen neuen zuverlässigen Marker für ADHS-Symptome darstellen.
Kategorien: ADHS bei Erwachsenen, Diagnostik
Schlagwörter: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Erwachsenenalter, Elektroenzephalogramm (EEG), EEG-Alpha-Asymmetrie, Geschlechtsunterschied, Depression, Test-Retest-Reliabilität
