Frontale Dysfunktionen der Impulskontrolle – eine systematische Übersicht bei Borderline-Persönlichkeitsstörung und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung
Alexandra Sebastian, Patrick Jung, Annegret Krause-Utz, Klaus Lieb, Christian Schmahl, Oliver T&Atil (2014)
Frontiers in Human Neuroscience 8
Zusammenfassung
Störungen wie die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) oder die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sind durch impulsives Verhalten gekennzeichnet. Impulsivität ist als klinischer Begriff sehr breit definiert und umfasst unterschiedliche Kategorien, darunter Persönlichkeitsmerkmale ebenso wie verschiedene kognitive Funktionen, etwa Emotionsregulation, Interferenzauflösung und Impulskontrolle. Impulskontrolle als exekutive Funktion ist jedoch weder kognitiv noch neurobehavioral eine einheitliche Funktion. Neuere Befunde aus verhaltenswissenschaftlichen und kognitiv-neurowissenschaftlichen Studien sprechen für miteinander verbundene, aber unterscheidbare Komponenten der Impulskontrolle entlang funktioneller Bereiche wie selektiver Aufmerksamkeit, Reaktionsauswahl, motivationaler Kontrolle und Verhaltenshemmung. Darüber hinaus zeigen sich verhaltensbezogene und neuronale Dissoziationen zwischen proaktiver und reaktiver inhibitorischer motorischer Kontrolle. Der präfrontale Kortex mit seinen Subregionen ist die zentrale Struktur für die Ausführung dieser Impulskontrollfunktionen. Auf Grundlage dieser Konzepte wurden neurobehaviorale Befunde aus Studien zu BPS und ADHS systematisch überprüft und verglichen. Insgesamt zeigten Patienten mit BPS präfrontale Dysfunktionen über verschiedene Komponenten der Impulskontrolle hinweg eher in orbitofrontalen, dorsomedialen und dorsolateralen präfrontalen Regionen, während Patienten mit ADHS vor allem eine gestörte Aktivität in ventrolateralen und medialen präfrontalen Regionen aufwiesen. Die präfrontalen Dysfunktionen variierten jedoch je nach Komponente der Impulskontrolle und je nach Störung. Dies spricht für eine Dissoziation impuls-kontrollbezogener frontaler Dysfunktionen bei BPS und ADHS, obwohl bislang nur wenige Studien die frontalen Dysfunktionen entlang unterschiedlicher Impulskontrollkomponenten im direkten Vergleich dieser Störungen untersucht haben. Die Befunde können jedoch als Hypothese für zukünftige systematische Untersuchungen einzelner Impulskontrollkomponenten dienen, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten präfrontaler Kortexdysfunktionen bei impulsiven Störungen besser zu verstehen.
Kategorien: ADHS Allgemein, Persönlichkeitsstörungen
Schlagwörter: Impulsivität, Reaktionsinhibition, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, fMRT
