Wird ADHS in Übereinstimmung mit diagnostischen Kriterien diagnostiziert? Überdiagnose und Einfluss des Geschlechts des Patienten auf die Diagnose
Katrin Bruchmüller, Jürgen Margraf, Silvia Schneider (2012)
Journal of Consulting and Clinical Psychology 80(1), 128-138
Zusammenfassung
Ziel: Hinsichtlich der ADHS-Diagnostik bestehen ungeklärte Fragen. Erstens deuten einige Studien auf eine mögliche Überdiagnose hin. Zweitens erhalten im Vergleich zum Verhältnis Jungen:Mädchen in der Allgemeinbevölkerung (3:1) deutlich mehr Jungen als Mädchen eine ADHS-Behandlung (6–9:1). Wir stellten die Hypothese auf, dass dies darauf zurückzuführen ist, dass Therapeuten die Kriterien des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (4. Aufl.; DSM-IV) und der International Classification of Diseases (10. Revision; ICD-10) nicht konsequent anwenden. Stattdessen könnten Therapeuten entsprechend der Repräsentativitätsheuristik eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostizieren, wenn ein Patient ihrem Bild eines prototypischen ADHS-Kindes ähnelt, und dabei bestimmte Ausschlusskriterien übersehen. Dies könnte zu Überdiagnosen führen. Da ADHS bei männlichen Personen häufiger ist, könnte ein Junge zudem eher als prototypisches ADHS-Kind wahrgenommen und deshalb leichter mit ADHS diagnostiziert werden als ein Mädchen. Methode: Wir schickten 1000 Kinderpsychologen, Psychiatern und Sozialarbeitern eine Fallvignette und baten sie um eine Diagnose. Es gab vier Versionen: Vignette 1 (ADHS) erfüllte alle DSM-IV-/ICD-10-Kriterien für ADHS. Die Vignetten 2–4 (keine ADHS) enthielten mehrere ADHS-Symptome, wiesen jedoch ausdrücklich darauf hin, dass andere ADHS-Kriterien nicht erfüllt waren; eine ADHS-Diagnose war daher nicht zulässig. Zusätzlich wurden für jede Vignette Jungen- und Mädchenversionen erstellt. Ergebnisse: In den Vignetten 2–4 (keine ADHS) diagnostizierten 16,7 % der Therapeuten ADHS. Bei den Jungenversionen dieser Vignetten wurde ADHS etwa doppelt so häufig diagnostiziert wie bei den Mädchenversionen. Schlussfolgerungen: Therapeuten halten sich nicht strikt an diagnostische Manuale. Unsere Studie legt nahe, dass in der klinischen Routine Überdiagnosen von ADHS vorkommen und dass das Geschlecht des Patienten die Diagnose erheblich beeinflusst. Eine fundierte diagnostische Schulung könnte helfen, solche Verzerrungen zu vermeiden. (PsycINFO Database Record (c) 2012 APA, alle Rechte vorbehalten)
Kategorien: Diagnostik
Schlagwörter: ADHS, Überdiagnose, Verzerrung, Geschlecht, Diagnose
