Ein neurophysiologischer Marker beeinträchtigter Vorbereitung in einer 11-Jahres-Nachbeobachtungsstudie zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)
Mirko Doehnert, Daniel Brandeis, Gudrun Schneider, Renate Drechsler, Hans-Christoph Steinhausen (2013)
Journal of Child Psychology and Psychiatry, 54 (3), 2013, 260-270
Zusammenfassung
Hintergrund: Diese longitudinale elektrophysiologische Studie untersuchte den Verlauf mehrerer beeinträchtigter kognitiver Gehirnfunktionen bei der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter, indem Entwicklungsverläufe von Personen mit ADHS und typisch entwickelten Kontrollen verglichen wurden.
Methoden: Personen mit ADHS (N = 11) und unauffällige Kontrollen (N = 12), die im Kindesalter diagnostiziert worden waren [mittleres Alter ADHS/CTRL = 10,9 Jahre (SD 1,72)/10,0 Jahre (SD 1,03)], wurden nach 1,1 und 2,4 Jahren sowie im jungen Erwachsenenalter nachuntersucht [ADHS/CTRL: 21,9 Jahre (SD 1,46)/21,1 Jahre (SD 1,29)]. Zu allen vier Zeitpunkten wurden Karten ereigniskorrelierter Potenziale (ERP) während eines durch Hinweisreize gesteuerten Continuous Performance Test (CPT) aufgezeichnet. Im Mittelpunkt standen verbleibende Defizite im Erwachsenenalter sowie Entwicklungsverläufe (Zeit- und Zeit×Gruppen-Effekte) für CPT-Leistung und aufmerksamkeitsbezogene (Cue P300), vorbereitende (CNV: contingent negative variation) und inhibitorische (NoGo P300) ERP-Komponenten.
Ergebnisse: Alle ERP-Komponenten entwickelten sich ohne signifikante Zeit×Gruppen-Interaktionen. Nur die CNV blieb in der ADHS-Gruppe reduziert, obwohl 8 von 11 Personen im Erwachsenenalter die vollständigen Kriterien einer ADHS-Diagnose nicht mehr erfüllten. Gruppenunterschiede bei Cue P300 und NoGo P300 waren im frühen Erwachsenenalter nicht mehr signifikant. Die CNV-Parameter korrelierten mit Reaktionszeit (RT) und RT-SD. Die Wahrnehmungssensitivität verbesserte sich und die Entwicklungsverläufe der Gruppen näherten sich an, während RT-SD bei erwachsenen Personen mit ADHS weiterhin erhöht war.
Schlussfolgerungen: Aufmerksamkeits- und Vorbereitungsdefizite bei ADHS bestehen bis ins Erwachsenenalter fort, und die abgeschwächte CNV scheint einen besonders stabilen ADHS-Marker darzustellen. Obwohl aufgrund der kleinen Stichprobe einige Reduktionen von Defiziten unentdeckt geblieben sein könnten, stellen die Befunde jene Entwicklungsverzögerungsmodelle infrage, die postulieren, dass die meisten ADHS-bezogenen Defizite mit der Hirnreifung vernachlässigbar werden.
Kategorien: ADHS Allgemein
Schlagwörter: ADHS, Entwicklungsverzögerung, CPT, CNV, RT-SD
