„Default-mode“-Netzwerk des Gehirns. Neurobiologie und klinische Bedeutung
A. Otti, H. Gündel, A. Wohlschläger, C. Zimmer, C. Sorg & M. Noll-Hussong (2012)
Der Nervenarzt 83(1), 16-24
Zusammenfassung
Der Ruhezustand des menschlichen Gehirns ist durch die intrinsische Aktivität des „Default- mode“-Netzwerks (DMN), das sowohl kortikale Mittellinienstrukturen als auch laterale parietale und temporale Anteile umfasst, geprägt. Dieses System ist während des selbstorientierten Denkens, wie z. B. im Ruhezustand, aktiv, während eines weltorientierten Bewusstseinszustands, wie z. B. während externaler Aufmerksamkeit und spezifischer kognitiver Aufgaben, jedoch in seiner Aktivität gemindert. Ausgehend von der historischen und methodischen Entwicklung des DMN-Modells beschreibt der vorliegende Übersichtsbeitrag zunächst die funktionelle Anatomie und potenzielle Funktionen dieses neuralen Systems. Im Anschluss werden, basierend auf der aktuellen Datenlage, die klinischen Implikationen einer gestörten Netzwerkstruktur beleuchtet und die Rolle des DMN bei verschiedenen psychischen Störungen aufgezeigt.
Auszug: [...] Entwicklungsneurobiologisch geraten auch psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters zunehmend in den Fokus des Interesses. Beim Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivität-Syndrom (ADHS) finden sich bereits im Ruhezustand veränderte Verschaltungsstärken. Zunächst gingen 2006 Tian et al. [99] von einer erhöhten Ruhekonnektivität bei ADHS aus, aktuell liegen jedoch mehr Hinweise in Richtung eines Konnektivitätsdefizits vor [15, 101]. Auch scheint eine Verminderung der Deaktivierungsfähigkeit bei kognitiven Aufgaben vorzuliegen, die sich unter Medikation mit Methylphenidat bessert bzw. sogar dem Verhalten gesunder Kontrollen angleicht [57, 72]. Die deutlichen funktionellen Veränderungen des DMN-Aufbaus bei dieser Impulskontrollstörung [17] könnten als Paradigma für die wichtige Rolle einer integren DMN-Konfiguration für Aufmerksamkeitsprozesse gelten. Wird das DMN während kognitiver Aufgaben nicht adäquat deaktiviert, macht der Proband statistisch signifikant mehr Fehler [26]. [...]
Kategorien: ADHS Allgemein, Komorbiditäten
Schlagwörter: Neuronales Netzwerk, Ruhezustand, Krankheiten des Gehirns, Kartierung des Gehirns, Funktionelle Konnektivität
