Elterntrainingsinterventionen bei Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung
Morris Zwi, Hannah Jones, Camilla Thorgaard, Ann York, Jane A Dennis (2014)
Cochrane Database Syst Rev. 2011 Dec 7;(12):CD003018
Zusammenfassung
HINTERGRUND:
Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine neurologische Entwicklungsstörung, die durch ein hohes Ausmaß an Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität gekennzeichnet ist, das vor dem siebten Lebensjahr auftritt, in verschiedenen Situationen beobachtet wird, nicht dem Entwicklungsstand des Kindes entspricht und soziale oder schulische Beeinträchtigungen verursacht. Elterntrainingsprogramme sind psychosoziale Interventionen, bei denen Eltern Techniken erlernen, mit denen sie das herausfordernde Verhalten ihrer Kinder bewältigen können.
ZIELE:
Zu bestimmen, ob Elterntrainingsinterventionen bei Kindern im Alter von fünf bis achtzehn Jahren mit einer ADHS-Diagnose im Vergleich zu Kontrollen ohne Elterntrainingsintervention wirksam sind, ADHS-Symptome und damit verbundene Probleme zu reduzieren.
SUCHMETHODEN:
Wir durchsuchten folgende elektronische Datenbanken für alle verfügbaren Jahre bis September 2010: CENTRAL (2010, Ausgabe 3), MEDLINE (1950 bis 10. September 2010), EMBASE (1980 bis Woche 36 des Jahres 2010), CINAHL (1937 bis 13. September 2010), PsycINFO (1806 bis Woche 1 im September 2010), Dissertation Abstracts International (14. September 2010) und das metaRegister of Controlled Trials (14. September 2010). Wir kontaktierten Fachleute auf diesem Gebiet und baten um Angaben zu unveröffentlichten oder laufenden Forschungsarbeiten.
AUSWAHLKRITERIEN:
Randomisierte (einschließlich quasi-randomisierter) Studien, die Elterntraining mit keiner Behandlung, einer Warteliste oder üblicher Behandlung (ergänzend oder anderweitig) verglichen. Wir schlossen Studien ein, wenn ADHS der Hauptfokus der Studie war, die Teilnehmer älter als fünf Jahre waren und eine klinische Diagnose von ADHS oder hyperkinetischer Störung hatten, die von einem Spezialisten anhand operationalisierter Diagnosekriterien nach DSM-III/DSM-IV oder ICD-10 gestellt worden war. Wir schlossen nur Studien ein, die mindestens ein kindbezogenes Outcome berichteten.
DATENERHEBUNG UND ANALYSE:
Vier Autoren waren am Screening der Abstracts beteiligt, und mindestens zwei Autoren prüften jedes Abstract unabhängig voneinander. Insgesamt sichteten wir 12.691 Studien und bewerteten fünf als einschlussfähig. Wir extrahierten Daten und bewerteten das Verzerrungsrisiko der fünf eingeschlossenen Studien. Die Möglichkeiten für Metaanalysen waren begrenzt; die meisten von uns berichteten Daten basieren auf Einzelstudien.
HAUPTERGEBNISSE:
Wir fanden fünf Studien mit insgesamt 284 Teilnehmern, die die Einschlusskriterien erfüllten; alle verglichen Elterntraining de facto mit üblicher Behandlung (TAU). Eine Studie umfasste als zweiten Kontrollarm eine nichtdirektive Elternunterstützungsgruppe. Vier Studien zielten auf Verhaltensprobleme der Kinder ab, eine untersuchte Veränderungen elterlicher Erziehungsfertigkeiten. Von den vier Studien zum kindlichen Verhalten konzentrierten sich zwei auf das Verhalten zu Hause und zwei auf das Verhalten in der Schule. Die beiden Studien zum Verhalten zu Hause lieferten unterschiedliche Ergebnisse: Eine fand keinen Unterschied zwischen Elterntraining und üblicher Behandlung, die andere berichtete statistisch signifikante Ergebnisse zugunsten des Elterntrainings gegenüber der Kontrolle. Auch die beiden Studien zum Verhalten in der Schule kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen: Eine fand keinen Unterschied zwischen den Gruppen, die andere berichtete positive Ergebnisse für Elterntraining, wenn ADHS nicht komorbid mit einer Störung des Sozialverhaltens mit oppositionellem, aufsässigem Verhalten war. In dieser letztgenannten Studie waren die Outcomes bei Mädchen und bei medikamentös behandelten Kindern besser. Das Verzerrungsrisiko bewerteten wir in den meisten Studien bestenfalls als unklar und häufig als hoch. Angaben zu Randomisierung und Verdeckung der Gruppenzuteilung fehlten in allen Studienberichten. Eine Verblindung der Teilnehmer oder des Personals war bei dieser Intervention zwangsläufig unmöglich; ebenso war eine Verblindung der Outcome-Beurteiler, bei denen es sich meist um die Eltern handelte, die die Intervention durchgeführt hatten, nicht möglich. Eine Metaanalyse konnten wir nur für zwei Outcomes durchführen: „externalisierendes“ Verhalten des Kindes (ein Maß für Regelverstöße, oppositionelles Verhalten oder Aggression) und „internalisierendes“ Verhalten des Kindes (beispielsweise Rückzug und Angst). Die Metaanalyse von drei Studien (n = 190) mit Daten zu externalisierendem Verhalten ergab Ergebnisse knapp unterhalb statistischer Signifikanz (SMD -0,32; 95%-KI -0,83 bis 0,18, I(2) = 60 %). Eine Metaanalyse von zwei Studien (n = 142) zu internalisierendem Verhalten ergab signifikante Ergebnisse zugunsten der Elterntrainingsgruppen (SMD -0,48; 95%-KI -0,84 bis -0,13, I(2) = 9 %). Daten aus einer dritten Studie, die wahrscheinlich zu diesem Outcome beigetragen hätte, fehlten, und wir haben gewisse Bedenken hinsichtlich eines Bias durch selektive Outcome-Berichterstattung. Die Ergebnisse der Einzelstudien zu kindlichen Verhaltensoutcomes waren gemischt. Positive Ergebnisse in einem Inventar kindlicher Verhaltensprobleme wurden für eine kleine Studie (n = 24) berichtet, mit der Einschränkung, dass die Ergebnisse nur positiv waren, wenn das Elterntraining einzeln und nicht in Gruppen durchgeführt wurde. In einer weiteren Studie (n = 62) wurden für die Interventionsgruppe positive Effekte auf einem Maß sozialer Kompetenzen berichtet, nachdem die Ergebnisse für demografische und Ausgangsdaten adjustiert worden waren. Die Studie (n = 48), die Veränderungen elterlicher Erziehungsfertigkeiten untersuchte, verglich Elterntraining mit einer nichtdirektiven Elternunterstützungsgruppe. Für die Elterntrainingsgruppe wurden statistisch signifikante Verbesserungen berichtet. Zwei Studien (n = 142) lieferten Daten zu elterlichen Stressindizes, die für eine Metaanalyse geeignet waren. Die Ergebnisse waren für den Bereich „Kind“ signifikant (MD -10,52; 95%-KI -20,55 bis -0,48), nicht jedoch für den Bereich „Eltern“ (MD -7,54; 95%-KI -24,38 bis 9,30). Die Ergebnisse zu diesem Outcome aus einer kleinen Studie (n = 24) deuteten auf einen langfristigen Nutzen für Mütter hin, die die Intervention individuell erhielten; Väter profitierten dagegen von einer kurzfristigen Gruppenbehandlung. Eine vierte Studie berichtete Veränderungsdaten für gruppeninterne Maße elterlichen Stresses und fand signifikante Vorteile nur in einem der beiden aktiven Elterntrainingsarme (P ≤ 0,01). Keine Studie berichtete Daten zu schulischer Leistung, unerwünschten Ereignissen oder dem Verständnis der Eltern von ADHS.
SCHLUSSFOLGERUNGEN DER AUTOREN:
Elterntraining kann sich positiv auf das Verhalten von Kindern mit ADHS auswirken. Es kann außerdem elterlichen Stress reduzieren und das Vertrauen der Eltern in ihre Erziehungskompetenz stärken. Die geringe methodische Qualität der eingeschlossenen Studien erhöht jedoch das Verzerrungsrisiko der Ergebnisse. Die Daten zu ADHS-spezifischem Verhalten sind uneindeutig. Für viele wichtige Outcomes, darunter schulische Leistungen und unerwünschte Effekte, fehlen Daten. Die Evidenz dieser Übersicht ist nicht stark genug, um eine Grundlage für Leitlinien der klinischen Praxis zu bilden. Zukünftige Forschung sollte eine bessere Berichterstattung der Studienverfahren und Ergebnisse sicherstellen.
Kategorien: Psychotherapie
Schlagwörter: ADHS, Elterntrainingsinterventionen
