Antidepressiva

Fahrtauglichkeit bei affektiven Störungen und unter Psychopharmaka

Die Datenlage bezüglich Fahrtauglichkeit und Unfallrisiken depressiver Patienten ist insgesamt dünn und von einer Reihe methodischer Probleme gekennzeichnet. Bei akuten, schweren Depressionen ist ebenso wie in manischen Phasen keine Fahrtauglichkeit gegeben, unter regelmäßigen Facharztkontrollen kann nach Remission für Gruppe 1 (Pkw) und Gruppe 2 (Lkw) von Fahreignung ausgegangen werden. Studien zur Frage der Auswirkungen von Psychopharmaka auf psychomotorische und kognitive Leistungen klinischer Populationen existieren nur vereinzelt, bezogen auf die Frage der Fahrtüchtigkeit liegen bislang erste Ergebnisse von naturalistischen Patienten-Samples vor. Nach negativen Akuteffekten zeigen erfolgreich mit Antidepressiva behandelte Patienten in Fahrtauglichkeitstests günstigere Ergebnisse als unbehandelte Depressive. Etwa 17 % der remittierten bipolaren Patienten sind als nicht fahrtüchtig einzuschätzen und etwa 27 % der mit Antipsychotika behandelten schizophrenen Patienten zum Zeitpunkt der Entlassung aus stationärer Behandlung. Unter neueren selektiven Antidepressiva und atypischen Antipsychotika weisen Patienten zumeist bessere Ergebnisse als z. B. unter trizyklischen Antidepressiva auf. Benzodiazepin erhöhen vor allem in Abhängigkeit von Dosierung und Halbwertszeit das Verkehrsunfallrisiko deutlich, ebenso frei verkäufliche Antihistaminika der 1. Generation. Methylphenidat zeigt bei jungen ADHS-Patienten einen eindeutigen günstigen Effekt auf die Fahrtauglichkeit. Die große interindividuelle Variabilität weist auf die Notwendigkeit einer individuellen Bewertung der Fahrtauglichkeit unter Berücksichtigung der psychopathologischen Leitsymptomatik, Krankheitsverlauf, Persönlichkeitsfaktoren, Attitüden sowie möglicher Kompensationsfaktoren hin.

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Das atypische Antidepressivum und neurorestorative Tianeptin ist ein μ-Opioidrezeptor-Agonist

Die derzeitigen pharmakologischen Behandlungen von Depression und verwandten Störungen weisen erhebliche Probleme auf, darunter niedrige Ansprechraten, einen langsamen Eintritt therapeutischer Wirkungen, Wirkverlust im Zeitverlauf und schwerwiegende Nebenwirkungen. Daher besteht dringender Bedarf an neuen therapeutischen Ansätzen, die diese Probleme adressieren. Interessanterweise erfüllt das atypische Antidepressivum Tianeptin bereits teilweise diese klinischen Ziele. Trotz drei Jahrzehnten Grundlagen- und klinischer Forschung sind das molekulare Ziel von Tianeptin und sein Wirkmechanismus jedoch weiterhin nicht eindeutig geklärt. Hier berichten wir über die Charakterisierung von Tianeptin als Agonist am μ-Opioidrezeptor (MOR). Mithilfe von Radioliganden-Bindungs- und zellbasierten funktionellen Assays, darunter auf Biolumineszenz-Resonanzenergietransfer basierende Tests für G-Protein-Aktivierung und cAMP-Akkumulation, identifizierten wir Tianeptin als wirksamen MOR-Agonisten (K(i Human) 383 ± 183 nM, EC(50 Human) 194 ± 70 nM und EC(50 Mouse) 641 ± 120 nM für die G-Protein-Aktivierung). Tianeptin war außerdem ein vollständiger δ-Opioidrezeptor-(DOR-)Agonist, allerdings mit deutlich geringerer Potenz (EC(50 Human) 37,4 ± 11,2 μM und EC(50 Mouse) 14,5 ± 6,6 μM für die G-Protein-Aktivierung). Am κ-Opioidrezeptor (KOR, Mensch und Ratte) war Tianeptin dagegen inaktiv. Auf Grundlage dieser pharmakologischen Daten schlagen wir vor, dass die Aktivierung von MOR – oder die duale Aktivierung von MOR und DOR – das initiale molekulare Ereignis sein könnte, das viele der bekannten akuten und chronischen Wirkungen dieser Substanz, einschließlich ihrer antidepressiven und anxiolytischen Effekte, auslöst.

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Medikamentöse Behandlung der ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) im Erwachsenenalter in Deutschland

Hintergrund: Bei der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) handelt es sich um eine psychische Störung. Die betroffenen Personen sind in der Regel überaktiv, unachtsam und leichtfertig. Diese Erkrankung beginnt immer im Kindesalter, kann aber bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben. Sie wirkt sich für die Betroffenen in nahezu allen Lebensbereichen aus. Die Lebensqualität ist häufig infolge der typischen Symptome und der hohen Rate an Begleiterkrankungen eingeschränkt. Eine bewährte Form der Therapie ist die Behandlung mit anregend wirkenden Arzneimitteln. In erster Linie wird der Wirkstoff Methylphenidat eingesetzt. Er ist für die Behandlung der ADHS im Erwachsenenalter in Deutschland nicht zugelassen. Das führt dazu, dass viele betroffene Erwachsene keine entsprechende Medikation erhalten.

Forschungsfrage: In dem vorliegenden Bericht (Health Technology Assessment [HTA]) werden die gewünschte Wirkung (Effektivität), die Wirkung in Zusammenhang mit den Kosten (Kosten-Effektivität) sowie ethische, soziale und rechtliche Gesichtspunkte bei der medikamentösen Behandlung von Erwachsenen mit einer ADHS betrachtet.

Methodik: In wissenschaftlichen Datenbanken wird im August 2009 eine systematische Literatursuche durchgeführt. Gefundene Literaturstellen müssen vorab definierten Kriterien entsprechen. Die Daten der Literaturstellen werden gezielt herausgesucht, bewertet und zusammenfassend beurteilt. Ergänzend wird eine Handsuche durchgeführt.

Ergebnisse: Insgesamt erfüllen 19 Studien, davon neun kontrollierte Studien, mit zufälliger Verteilung der Versuchspersonen bezüglich der Behandlung, fünf Metaanalysen (Untersuchung von zusammengefassten Einzelstudien), drei Studien zu wirtschaftlichen und zwei zu rechtlichen Gesichtspunkten die vorgegebenen Einschlusskriterien. Alle bewerteten randomisierten, kontrollierten Studien (RCT) zeigen, dass unter medikamentöser Behandlung vor allem mit Arzneimitteln mit anregender Wirkung (Methylphenidat und Amphetaminen) und Atomoxetin eine Verbesserung der ADHS-Symptome bei Erwachsenen im Vergleich zu einer Placebobehandlung auftritt. Die Ansprechraten belaufen sich in den Kontrollgruppen zwischen 7 % und 42 %, in den Behandlungsgruppen zwischen 17 % und 59,6 %. In den Metaanalysen werden die Ergebnisse aus den RCT bestätigt. Insgesamt lassen sich für Patienten mit ADHS hohe jährliche direkte (z. B. für Medikamente) und indirekte (z. B. für Verdienstausfall) Kosten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe feststellen. Die durchschnittlichen Medikamentenkosten für Erwachsene mit ADHS betragen zwischen 1.262 US-Dollar im Jahr 1998 und 1.673 US-Dollar im Jahr 2001 (Währung und Inflation berücksichtigt: für 2009 zwischen 1.270 und 1.619 Euro). Im Zusammenhang mit der Einnahme von Arzneimitteln mit stimulierender Wirkung können Betroffene in den Bereichen Straßenverkehr, Reisen und Sport eingeschränkt sein. Für ethische und soziale sowie für rechtliche Aspekte in Bezug zur medikamentösen Therapie bei Erwachsenen mit einer ADHS werden keine entsprechenden Studien gefunden.

Diskussion / Schlussfolgerung: Insbesondere bei Methylphenidat und Atomoxetin sind positive Effekte der medikamentösen Therapie nachweisbar. Dabei muss eine Dosiseinstellung abgestimmt auf die jeweilige betroffene Person erfolgen, um ein optimales Ansprechen der Medikamente zu erreichen. Medikamentöse Behandlung der ADHS im Erwachsenenalter in Deutschland DAHTA 2 von 240 Um genauere Aussagen über die Kosten-Wirkung der medikamentösen Therapie bei Erwachsenen mit einer ADHS zu treffen, sind weitere gesundheitsökonomische Studien erforderlich. Abgesehen vom zweifelsfrei psychiatrischen Krankheitsbild wird allein schon aus gesundheitsökonomischen Gründen empfohlen, die Voraussetzungen für eine angemessene Versorgung mit diesen Medikamenten auch für Erwachsene zu schaffen.

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Tianeptin: Ein neuartiges atypisches Antidepressivum, das neue Einblicke in die biomolekularen Grundlagen der Depression ermöglichen könnte

Tianeptin, ein von Servier patentiertes und entwickeltes atypisches Antidepressivum, verstärkt die synaptische Wiederaufnahme von Serotonin, ohne die Aufnahme von Noradrenalin und Dopamin zu beeinflussen, und weist keine Affinität zu Neurotransmitterrezeptoren auf. Dieser Wirkmechanismus eines Antidepressivums erscheint paradox, da die derzeit eingesetzten Antidepressiva die Serotoninwirkung durch Hemmung seines Abbaus oder durch Hemmung der monoaminergen Wiederaufnahme verstärken. Obwohl gezeigt wurde, dass Tianeptin die zentrale 5-HT-Verfügbarkeit vermindert, indirekt zentrale adrenerge und dopaminerge Systeme moduliert und indirekt eine cholinerge Hyperaktivität hemmt, wird angenommen, dass seine antidepressive Wirkung unmittelbarer mit zentralem neuronalem Remodeling und der Wiederherstellung neuronaler Plastizität zusammenhängt. In zuverlässigen Tiermodellen der Depression verhindert Tianeptin Neurodegeneration und Verringerungen des Hippocampusvolumens als Reaktion auf chronischen Stress. Es wird vermutet, dass diese Effekte auf die Neuroplastizität mit einer Normalisierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse und modulierenden Wirkungen auf exzitatorische Aminosäuren und N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptoren zusammenhängen. Gemeinsam mit einer Reihe verwandter Studien stützen diese Daten die Hypothese, dass Depression mit einer Dysregulation von Signalwegen verbunden sein könnte, welche die zelluläre Resilienz steuern, und dass die Behandlung auf deren Umkehrung ausgerichtet sein sollte. Wichtig ist, dass Tianeptin nicht anxiogen wirkt und auch bei therapieresistenter Depression Wirksamkeit gezeigt hat, was den Weg zu einem bedeutsamen Fortschritt in der Depressionsbehandlung eröffnen könnte.

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