Was ist die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)?
L. Furman (2005)
Journal of Child Neurology 20(12), 994-1002
Zusammenfassung
Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wird als häufigste neurobehaviorale Störung des Kindesalters beschrieben. Wir äußern die Sorge, dass ADHS keine Krankheit an sich ist, sondern vielmehr eine Gruppe von Symptomen, die einen gemeinsamen abschließenden Verhaltensweg für eine Vielzahl emotionaler, psychologischer und/oder Lernprobleme darstellen. Immer mehr Kinder, insbesondere Jungen, erhalten nach einem vereinfachten Ansatz eine ADHS-Diagnose und werden mit Stimulanzien behandelt. Eine systematische Sichtung der Literatur wirft jedoch besorgniserregende Fragen auf. Die „Kernsymptome“ der ADHS – Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität – sind nicht spezifisch für ADHS. Die Raten „komorbider“ psychiatrischer und Lernprobleme, darunter Depression und Angst, liegen zwischen 12 und 60 %, mit deutlichen Symptomüberschneidungen mit ADHS, diagnostischen Schwierigkeiten und evidenzbasierten Behandlungsmethoden, die keine Stimulanzien umfassen. Kein neuropsychologischer Testbefund ist pathognomonisch für ADHS, und strukturelle sowie funktionelle Neurobildgebungsstudien haben keine eindeutige Ätiologie der ADHS identifiziert. Kein genetischer Marker wurde konsistent nachgewiesen, und Heritabilitätsstudien werden durch familiäre Umweltfaktoren verzerrt. Die Validität der Conners’ Rating Scale-Revised wurde ernsthaft infrage gestellt; zudem weichen „Beurteilungen“ von Schulkindern durch Eltern und Lehrkräfte häufig voneinander ab, was darauf hindeutet, dass die Verwendung subjektiver Informantendaten über Skalen oder Interviews keine objektive Grundlage für eine ADHS-Diagnose bildet. Empirische diagnostische Behandlungsversuche mit Stimulanzien, die zu einer Verhaltensreaktion führen, unterscheiden nachweislich nicht zwischen Kindern mit und ohne „ADHS“. Zusammenfassend hält das derzeitige Dogma, ADHS sei eine Krankheit oder neurobehaviorale Störung, einer kritischen Prüfung der Evidenz derzeit nicht stand. Die umfassende Untersuchung symptomatischer Kinder sollte individualisiert erfolgen und schulische, psychologische, psychiatrische und familiäre Bedürfnisse einbeziehen.
Kategorien: ADHS Allgemein
Schlagwörter: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, ADHS
