Medikalisierung sozialer Prozesse
W. Schneider (2013)
Psychotherapeut 58(3), 219-236
Zusammenfassung
Die Medikalisierung sozialer Prozesse umfasst mehr und mehr gesellschaftliche Bereiche und führt zur Ausweitung des Krankheitsbegriffs sowie zur Schaffung neuer Krankheiten. Im vorliegenden Beitrag werden die Fächer Psychiatrie und Psychotherapie in ihrer Medikalisierungstendenz diskutiert. Hierbei wird ein Augenmerk auf die diagnostischen Modelle und deren klinische Anwendung gelegt. Es werden die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Bedingungen, dem medizinischen Versorgungsmodell und den Individuen in ihren Einflüssen auf die Medikalisierung sowie die Psychopathologisierung dargestellt und diskutiert. Weiter wird die Bedeutung aufgezeigt, die die zunehmende gesellschaftliche Offenheit für psychische Phänomene und der Einfluss der Massenmedien bei den Medikalisierungsprozessen einnehmen. Auf der individuellen Ebene werden gesellschaftstypische psychologische Merkmale herausgearbeitet, die Einfluss auf die Bereitschaft von Individuen haben, sich selbst als „krank“ und sozial defizient zu erleben. Die Pathologisierungs- und Chronifizierungsprozesse werden dann am Beispiel der „Arbeitslosigkeit“, ihren psychischen Folgen und am „Burn-out-Begriff“ exemplifiziert. Abschließend werden Ansätze einer gesellschaftskritischen medizinischen und psychotherapeutischen Wissenschaft und Praxis skizziert.
Kategorien: ADHS Allgemein, Affektive Störungen
Schlagwörter: Pathologisierung, Psychische Störungen, Arbeitsunfähigkeit, Arbeitslosigkeit, Burn-out
