„Default-mode“-Netzwerk des Gehirns. Neurobiologie und klinische Bedeutung

Der Ruhezustand des menschlichen Gehirns ist durch die intrinsische Aktivität des „Default- mode“-Netzwerks (DMN), das sowohl kortikale Mittellinienstrukturen als auch laterale parietale und temporale Anteile umfasst, geprägt. Dieses System ist während des selbstorientierten Denkens, wie z. B. im Ruhezustand, aktiv, während eines weltorientierten Bewusstseinszustands, wie z. B. während externaler Aufmerksamkeit und spezifischer kognitiver Aufgaben, jedoch in seiner Aktivität gemindert. Ausgehend von der historischen und methodischen Entwicklung des DMN-Modells beschreibt der vorliegende Übersichtsbeitrag zunächst die funktionelle Anatomie und potenzielle Funktionen dieses neuralen Systems. Im Anschluss werden, basierend auf der aktuellen Datenlage, die klinischen Implikationen einer gestörten Netzwerkstruktur beleuchtet und die Rolle des DMN bei verschiedenen psychischen Störungen aufgezeigt.

Auszug: [...] Entwicklungsneurobiologisch geraten auch psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters zunehmend in den Fokus des Interesses. Beim Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivität-Syndrom (ADHS) finden sich bereits im Ruhezustand veränderte Verschaltungsstärken. Zunächst gingen 2006 Tian et al. [99] von einer erhöhten Ruhekonnektivität bei ADHS aus, aktuell liegen jedoch mehr Hinweise in Richtung eines Konnektivitätsdefizits vor [15, 101]. Auch scheint eine Verminderung der Deaktivierungsfähigkeit bei kognitiven Aufgaben vorzuliegen, die sich unter Medikation mit Methylphenidat bessert bzw. sogar dem Verhalten gesunder Kontrollen angleicht [57, 72]. Die deutlichen funktionellen Veränderungen des DMN-Aufbaus bei dieser Impulskontrollstörung [17] könnten als Paradigma für die wichtige Rolle einer integren DMN-Konfiguration für Aufmerksamkeitsprozesse gelten. Wird das DMN während kognitiver Aufgaben nicht adäquat deaktiviert, macht der Proband statistisch signifikant mehr Fehler [26]. [...]

Kategorien: ADHS Allgemein, Komorbiditäten

Default mode network of the brain. Neurobiology and clinical significance

The resting state of the human brain is intrinsically organized by the so-called default mode network (DMN) which comprises cortical midline structure as well as lateral parietal and temporal areas. The activity of this system increases during self-oriented thinking, e.g. during a resting state but decreases during externally oriented attention and specific cognitive tasks. This review article provides a historical and methodological outline of the DMN model and describes its functional anatomy and putative functions. Based on the empirical literature the clinical implications of alterations of the DMN architecture and its role in various mental disorders are discussed.

Kategorien: General information, Comorbidities

Typ:Sonstiges
Autor:A. Otti, H. Gündel, A. Wohlschläger, C. Zimmer, C. Sorg & M. Noll-Hussong
Quelle:Nervenarzt 2012 · 83:16–24
Jahr:2012
Keywords (deutsch):Neuronales Netzwerk, Ruhezustand, Krankheiten des Gehirns, Kartierung des Gehirns, Funktionelle Konnektivität
Keywords (englisch):Neural network, Resting state, Brain diseases, Brain mapping, Functional connectivity
DOI:---