Trends in der psychopharmakologischen Behandlung von Tic-Störungen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland
Christian Bachmann, Veit Roessner, Gerd Glaeske, Falk Hoffmann (2015)
European Child & Adolescent Psychiatry 24(2), 199-207
Zusammenfassung
Daten zur medizinischen Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Tic-Störungen sind rar. Diese Studie untersuchte die administrative Prävalenz von Psychopharmaka-Verschreibungen in dieser Patientengruppe in Deutschland. Analysiert wurden Daten der größten deutschen Krankenkasse. Bei ambulanten Patienten im Alter von 0 bis 19 Jahren mit diagnostizierter Tic-Störung wurden die Psychopharmaka-Verschreibungen für die Jahre 2006 und 2011 ausgewertet. Im Jahr 2011 war der Anteil der Psychopharmaka-Verschreibungen etwas höher als im Jahr 2006 (21,2 % vs. 18,6 %). Die höchste Verschreibungshäufigkeit wurde beim Tourette-Syndrom festgestellt (51,5 % bzw. 53,0 %). Am häufigsten wurden Medikamente gegen ADHS verschrieben, gefolgt von Antipsychotika. Im Jahr 2011 wurden mehr Antipsychotika der zweiten Generation (SGA) und weniger Antipsychotika der ersten Generation (FGA) verschrieben als 2006. Bezüglich der verschriebenen Antipsychotika war die Anzahl der Risperidon-Verschreibungen 2011 höher und die von Tiaprid niedriger. Kinderärzte stellten 37,4 % und Kinder- und Jugendpsychiater 37,1 % der Psychopharmaka-Verschreibungen aus. Das Verhältnis von FGA zu SGA war bei Hausärzten am höchsten (1,25) und bei Kinder- und Jugendpsychiatern am niedrigsten (0,96). Von 2006 bis 2011 gab es in Deutschland nur einen leichten Anstieg der Psychopharmaka-Verschreibungen für Kinder und Jugendliche mit einer Tic-Störung. Dies steht im Gegensatz zum deutlichen Anstieg der Psychopharmaka-Verschreibungen bei anderen psychiatrischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter (z. B. ADHS). Es zeigten sich deutliche Unterschiede in den Behandlungsmustern zwischen den Subgruppen der Tic-Störung. Patienten mit Tourette-Syndrom erhielten am häufigsten eine Psychopharmakotherapie. Die Verschreibungen von Risperidon nahmen zu, was wahrscheinlich auf eine Umstellung der Verschreibungspraxis hin zu aktuellen Behandlungsleitlinien zurückzuführen ist. Für Hausärzte könnte die Verbreitung aktueller Behandlungsleitlinien für Tic-Störungen ein wichtiges Fortbildungsziel darstellen.
Kategorien: ADHS bei Kindern, Medikamente, Therapie
Schlagwörter: ADHS, Kinder, Jugendliche, Diagnostik, Sucht, Prävalenz, Geschlecht
