Neuropsychologische Defizite, die mit starker pränataler Alkoholexposition einhergehen, werden durch ADHS nicht verschlimmert.
Leila Glass, Ashley Ware, Nicole Crocker, Benjamin Deweese, Claire Coles, Julie Kable, Philip May, Wendy Kalberg, Elizabeth Sowell, Kenneth Jones, Edward Riley, Sarah Mattson (2013)
Neuropsychology 27(6), 713-724
Zusammenfassung
ZIELSETZUNG: Die neuropsychologische Funktionsfähigkeit von Personen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder starker pränataler Alkoholexposition ist unabhängig voneinander gut dokumentiert. Diese Studie untersuchte die Wechselwirkung beider Faktoren auf die kognitive Leistungsfähigkeit von Kindern. METHODE: Im Rahmen einer multizentrischen Studie absolvierten 344 Kinder (8–16 Jahre, M = 12,28, SD = 2,52) eine umfassende neuropsychologische Testbatterie. Vier Probandengruppen wurden untersucht: Kinder mit starker pränataler Alkoholexposition (AE) und ADHS (AE+, n = 90), Kinder mit Alkoholexposition ohne ADHS (AE-, n = 38), Kinder ohne Alkoholexposition mit ADHS (ADHS, n = 80) und Kinder ohne Alkoholexposition ohne ADHS (CON, n = 136). ERGEBNISSE: Separate 2(AE) × 2(ADHD) MANCOVAs zeigten signifikante Haupt- und Interaktionseffekte von ADHS und Alkoholexposition auf die Gesamtleistung im WISC-IV, D-KEFS und CANTAB. Einzelne ANOVAs ergaben signifikante Interaktionen für zwei WISC-IV-Indizes [Verbales Verständnis (VCI), Perzeptuelles Denken (PRI)] sowie vier Subtests des D-KEFS und CANTAB [Designflüssigkeit, Verbale Flüssigkeit, Trail Making, Räumliches Arbeitsgedächtnis]. Folgeanalysen zeigten keinen Unterschied zwischen den Gruppen mit und ohne Alkoholexposition (AE+ bzw. AE-) hinsichtlich dieser Messwerte. Die kombinierte Gruppe mit und ohne Alkoholexposition (AE+/-) wies im Vergleich zur ADHS-Gruppe stärkere Beeinträchtigungen in den Bereichen VCI und PRI auf, es zeigten sich jedoch keine weiteren Unterschiede zwischen den klinischen Gruppen. SCHLUSSFOLGERUNGEN: Diese Ergebnisse sprechen für die Verwendung einer kombinierten Gruppe mit und ohne Alkoholexposition (AE+/-) in der neuropsychologischen Forschung und deuten darauf hin, dass die bei ADHS beobachteten neuropsychologischen Effekte in einigen Fällen durch pränatale Alkoholexposition beeinflusst werden. Die Auswirkungen von Alkoholkonsum auf das Sprachverständnis und das perzeptuelle Denken waren stärker ausgeprägt als jene, die mit ADHS ohne Alkoholkonsum zusammenhängen, obwohl beide Zustände unabhängig voneinander im Vergleich zu den Kontrollgruppen zu kognitiven Beeinträchtigungen führten. Klinisch betrachtet zeigen diese Ergebnisse aufgabenabhängige Beeinträchtigungsmuster bei verschiedenen klinischen Störungen.
Kategorien: ADHS bei Kindern, Diagnostik, Sucht
Schlagwörter: ADHS, Kinder, Jugendliche, Exekutive Funktionen, Arbeitsgedächtnis, Hyperaktivität, Alkohol, Geschlecht, Neuropsychologie
