Verlässliche Einschätzungen oder Kaffeesatzlesen: Können Verhaltensbeurteilungen von Eltern, Lehrern und Therapeuten bei Vorschulkindern ADHS im Alter von sechs Jahren vorhersagen?
Sarah O'Neill, Robyn Schneiderman, Khushmand Rajendran, David Marks, Jeffrey Halperin (2014)
Journal of Abnormal Child Psychology 42(4), 623-634
Zusammenfassung
Ziel dieser Studie war es, die relative Aussagekraft der Verhaltensbeurteilungen von Eltern, Lehrkräften und Therapeuten bei Vorschulkindern hinsichtlich der Vorhersage des Schweregrads und der Diagnose einer ADHS im Alter von 6 Jahren zu untersuchen. Hyperaktive/unaufmerksame Vorschulkinder [N = 104, 75 % Jungen, mittleres Alter (SD) = 4,37 (0,47) Jahre] wurden über 2 Jahre (Mittelwert = 26,44 Monate, SD = 5,66) begleitet. Zu Beginn der Studie (Baseline, BL) füllten Eltern und Lehrkräfte den ADHD-RS-IV und Therapeuten das Behavioral Rating Inventory for Children (BRIC) im Anschluss an eine psychologische Testung aus. Im Alter von 6 Jahren [mittleres Alter (SD) = 6,62 (0,35) Jahre] wurden die Eltern mit dem K-SADS-PL interviewt, die Lehrkräfte füllten den ADHD-RS-IV aus und bei den Kindern wurden laborchemische Messungen von Hyperaktivität, Impulsivität und Unaufmerksamkeit durchgeführt. Mittels hierarchischer logistischer und linearer Regressionsanalysen wurde untersucht, welche Kombination der BL-Beurteilungen die ADHS-Diagnose bzw. den Schweregrad im Alter von 6 Jahren am besten vorhersagte. Im Alter von 6 Jahren erfüllten 56 (53,8 %) Kinder die DSM-IV-Kriterien für eine ADHS-Diagnose. Die Einschätzungen der Kinder im frühen Kindesalter (BL) durch Eltern, Lehrkräfte und Therapeuten sowie durch Kombinationen aus Eltern, Lehrkräften und Therapeuten sagten signifikant voraus, ob im Alter von 6 Jahren eine ADHS-Diagnose gestellt werden würde. Die Verhaltensbeurteilungen von Eltern und Therapeuten, nicht aber von Lehrkräften, waren signifikante unabhängige Prädiktoren für die ADHS-Diagnose und den Schweregrad im Alter von 6 Jahren. Allerdings sagten nur die Berichte von Therapeuten über das Verhalten von Vorschulkindern die im Labor gemessenen Werte für Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit bei der Nachuntersuchung vorher. Situationsübergreifendes Verhalten ist für die ADHS-Diagnose im Vorschulalter wichtig. Positive Einschätzungen von allen drei Informanten (Eltern/Lehrkräfte oder Eltern/Therapeuten) scheinen prognostische Bedeutung zu haben. Die Einschätzungen von Therapeuten hinsichtlich Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität von Vorschulkindern sind valide Informationsquellen zur Vorhersage der ADHS-Diagnose und des Schweregrads im Zeitverlauf.
Kategorien: ADHS bei Kindern, Diagnostik
Schlagwörter: ADHS, Kinder, Diagnostik, Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität, Geschlecht, Schule
