Die Wirksamkeit polizeilicher Gewahrsamsbeurteilungen bei der Identifizierung von Verdächtigen mit geistigen Behinderungen und Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung
Susan Young, Emily Goodwin, Ottilie Sedgwick, Gisli Gudjonsson (2013)
BMC medicine 11, 248
Zusammenfassung
HINTERGRUND: Intellektuelle Beeinträchtigungen (IB) und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gelten in England und Wales als anerkannte psychische Risikofaktoren bei polizeilichen Vernehmungen und Gerichtsverfahren. Ziel dieser Studie war es, (a) die Prävalenz von IB und/oder ADHS bei Verdächtigen in einer großen Londoner Polizeiwache und deren Zusammenhang mit Störungen des Sozialverhaltens (SV) zu untersuchen, (b) die Auswirkungen dieser Erkrankungen auf die Ressourcen des Polizeipersonals zu analysieren, (c) die Effektivität gängiger Instrumente zur Beurteilung von Verdächtigen in Polizeigewahrsam hinsichtlich der Identifizierung psychischer Risikofaktoren zu bewerten und (d) den Einsatz von Vertrauenspersonen in Vernehmungen zu untersuchen. METHODE: Insgesamt wurden 200 Personen in einer Polizeiwache vernommen und auf IB, ADHS (aktuelle Symptome) und SV untersucht. ERGEBNISSE: Die Screening-Raten für diese drei Störungen lagen bei 6,7 %, 23,5 % bzw. 76,3 %. ADHS trug signifikant zu einem erhöhten Bedarf an Unterstützung durch das Personal bei, selbst nach Berücksichtigung von SV und der Dauer der Inhaftierung. Dies ist ein neues Ergebnis. Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten sowie psychische Probleme wurden zwar häufig mithilfe der Instrumente zur Risikobewertung im Justizvollzug festgestellt, jedoch nicht effektiv genutzt, um den Bedarf an einer geeigneten Begleitperson zu ermitteln. Die Häufigkeit, mit der geeignete Begleitpersonen zur Unterstützung von Inhaftierten bei polizeilichen Vernehmungen bereitgestellt wurden (4,2 %), ist nahezu identisch mit den Ergebnissen einer ähnlichen Studie vor 20 Jahren. FAZIT: Die vorliegenden Ergebnisse deuten darauf hin, dass die kürzlich in Justizvollzugsanstalten durchgeführten Reformen die erwartete Verbesserung des Schutzes gefährdeter Verdächtiger möglicherweise nicht erreicht haben. Inhaftierte mit geistiger Behinderung und ADHS benötigen während polizeilicher Vernehmungen und anderer formeller Verfahren im Justizvollzug eine geeignete Begleitperson, die ihnen derzeit häufig nicht zur Verfügung steht. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie legen nahe, dass dies größtenteils auf den ineffektiven Einsatz von Risikobewertungsinstrumenten und die unzureichende Einbindung von medizinischem Fachpersonal zurückzuführen ist, wodurch Chancen zur Identifizierung solcher Gefährdungen verpasst werden.
Kategorien: ADHS bei Erwachsenen, Diagnostik, Störung des Sozialverhaltens
Schlagwörter: ADHS, Jugendliche, Erwachsene, Diagnostik, Hyperaktivität, Störung des Sozialverhaltens, Prävalenz, Geschlecht
