Unaufmerksamkeit bei sehr frühgeborenen Kindern: Auswirkungen auf Screening und Früherkennung
Ellen Brogan, Lucy Cragg, Camilla Gilmore, Neil Marlow, Victoria Simms, Samantha Johnson (2014)
Archives of Disease in Childhood 99(9), 834-839
Zusammenfassung
ZIEL: Sehr frühgeborene Kinder (< 32 Wochen) haben ein erhöhtes Risiko für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS). ADHS bei sehr frühgeborenen Kindern zeigt ein anderes klinisches Bild als ADHS in der Allgemeinbevölkerung, weshalb Schwierigkeiten bei diesen Kindern im Schulalltag möglicherweise nicht erkannt werden. Wir haben ADHS-Symptome untersucht, um festzustellen, ob Schwierigkeiten bei sehr frühgeborenen Kindern im Unterricht unentdeckt bleiben. STUDIENDESIGN: Eltern und Lehrkräfte von 117 sehr frühgeborenen und 77 termingeborenen Kindern füllten den Fragebogen zu Stärken und Schwierigkeiten (Strengths and Difficulties Questionnaire) aus, um Hyperaktivität/Aufmerksamkeitsstörungen, emotionale, Verhaltens- und Probleme mit Gleichaltrigen zu erfassen, sowie die DuPaul ADHD Rating Scale-IV (DPARS-IV), um Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität/Impulsivität zu beurteilen. Der sonderpädagogische Förderbedarf wurde anhand der Angaben der Lehrkräfte ermittelt. Gruppenunterschiede in den Ergebnissen wurden hinsichtlich sozioökonomischer Benachteiligung adjustiert. ERGEBNISSE: Eltern und Lehrkräfte stuften Kinder mit Frühgeburtlichkeit (VP) im Fragebogen zu Stärken und Schwierigkeiten (SDQ) hinsichtlich Hyperaktivität/Aufmerksamkeitsdefizit signifikant höher ein. Eltern bewerteten bei ihnen zudem klinisch relevantere Hyperaktivitäts-/Aufmerksamkeitsdefizite als bei termingeborenen Kontrollkindern (Relatives Risiko (RR) 4,0; 95%-Konfidenzintervall (KI) 1,4 bis 11,4). Bei der Untersuchung der ADHS-Dimensionen stuften Eltern und Lehrkräfte VP-Kinder signifikant häufiger als die Kontrollgruppe auf, und Eltern stuften deren klinisch relevantere Aufmerksamkeitsdefizite als signifikant höher ein (RR 4,8; 95%-KI 1,4 bis 16,0). Hyperaktivität/Impulsivität war hingegen nicht häufiger. Auch nach Ausschluss von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF) wiesen VP-Kinder weiterhin signifikant höhere Aufmerksamkeitsdefizitwerte auf als die Kontrollgruppe, jedoch zeigte sich kein Überschuss an Hyperaktivität/Impulsivität. SCHLUSSFOLGERUNGEN: VP-Kinder haben ein höheres Risiko für Aufmerksamkeitsdefizitsymptome als für Hyperaktivität/Impulsivität. Die Aufmerksamkeitsdefizitsymptome waren bei VP-Kindern ohne diagnostizierten SPF signifikant erhöht, was darauf hindeutet, dass diese Probleme in der Schule schwer zu erkennen sein können. Eine Sensibilisierung der Lehrer für Aufmerksamkeitsstörungen kann von Vorteil sein, da sie ihnen ermöglicht, VP-Kinder zu identifizieren, die von einer Intervention profitieren könnten.
Kategorien: ADHS bei Erwachsenen, ADHS bei Kindern, Diagnostik
Schlagwörter: ADHS, Kinder, Erwachsene, Diagnostik, Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität, Prävalenz, Geschlecht, Emotionen, Schule
