Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS): Eine Störung der Affektverarbeitung und des Denkens?

Michael Gunter (2014)

The International journal of psycho-analysis 95(1), 43-66

Zusammenfassung

In der Literatur zur Kinder- und Jugendpsychoanalyse wird die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) als komplexes Syndrom mit vielfältigen psychodynamischen Merkmalen beschrieben. Im Allgemeinen wird die Störung in drei Kategorien unterteilt: 1. Eine Störung der frühen Objektbeziehungen, die zur Entwicklung einer maniformen Abwehrorganisation führt, in der Objektverlustängste und depressive Affekte nicht symbolisch verarbeitet, sondern körperbezogen organisiert werden; 2. Eine Triangulationsstörung, in der die Besetzung der Vaterrolle instabil ist; wenig stützende Strukturen wechseln sich mit übermäßiger Erregung ab, die Affektregulation ist eingeschränkt; 3. Aktueller emotionaler Stress oder ein traumatisches Erlebnis. Ich schlage vor, ADHS aus psychoanalytischer Perspektive neu zu betrachten. Hinsichtlich der Phänomenologie der Störung sollte der konfliktdynamische Ansatz durch eine Sichtweise ergänzt werden, die Defizite der α-Funktion als konstitutiv für ADHS betrachtet. Diese Defizite verursachen Störungen der Affektverarbeitung und des Denkens, die durch die Symptomatologie (wenn auch nicht vollständig) kompensiert werden. Auf einer sekundären Ebene entsteht ein Teufelskreis durch die gegenseitige Verstärkung fehlerhafter Verarbeitung von Sinnesdaten und Affekten zu potenziellen Gedankeninhalten einerseits und sekundärer, zumeist narzisstischer Abwehrmechanismen andererseits. Diese Überlegungen sind von großer Bedeutung für ein besseres Verständnis von ADHS und für die psychoanalytische Technik.

Kategorien: ADHS bei Kindern, Affektive Störungen

Schlagwörter: ADHS, Kinder, Jugendliche, Hyperaktivität, Depression, Emotionen

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