Gemeinsame ätiologische Faktoren von Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung und suizidalem Verhalten: eine bevölkerungsbasierte Studie in Schweden

Therese Ljung, Qi Chen, Paul Lichtenstein, Henrik Larsson (2014)

JAMA Psychiatry 71(8), 958-964

Zusammenfassung

Bedeutung: Die Prävention von Suizidverhalten ist eine der wichtigsten Aufgaben für Psychiater und Psychotherapeuten. Obwohl einige Studien auf ein erhöhtes Suizidrisiko bei Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) hinweisen, wird die Entwicklung effektiverer Methoden zur Identifizierung und Modifizierung dieses Risikos durch unser begrenztes Verständnis der zugrunde liegenden Mechanismen erschwert. Ziel: Untersuchung, ob ADHS und Suizidverhalten gemeinsame genetische und umweltbedingte Risikofaktoren aufweisen. Studiendesign, Setting und Teilnehmer: Gematchte Kohortenstudie mit unterschiedlichem Verwandtschaftsgrad, erfasst vom 1. Januar 1987 bis zum 31. Dezember 2009. Wir identifizierten 51.707 ADHS-Patienten (über Patienten- und Medikamentenregister) in Schweden und deren Angehörige durch Verknüpfung longitudinaler bevölkerungsbasierter Register. Die Kontrollgruppe wurde im Verhältnis 1:5 nach Geschlecht und Geburtsjahr gematcht. HAUPTERGEBNISSE UND MESSGRÖSSEN: Jegliche dokumentierte Suizidversuche oder vollendete Suizide, definiert durch Entlassungsdiagnosen gemäß der Internationalen Klassifikation der Krankheiten. ERGEBNISSE: Personen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (Probanden) wiesen ein erhöhtes Risiko für Suizidversuche und vollendete Suizide auf, selbst nach Berücksichtigung komorbider psychiatrischer Störungen (Odds Ratio [OR] = 3,62 [95 %-KI, 3,29–3,98] bzw. 5,91 [95 %-KI, 2,45–14,27]). Das höchste familiäre Risiko wurde bei Verwandten ersten Grades beobachtet (Suizidversuch: OR = 2,42 [95 %-KI, 2,36–2,49] bei den Eltern von Probanden mit ADHS und OR = 2,28 [95 %-KI, 2,17–2,40] bei den Geschwistern von Probanden mit ADHS; vollendeter Suizid: OR = 2,24 [95 %-KI, 2,06–2,43] bzw. OR = 2,23 [1,83–2,73]). Das Risiko war hingegen bei genetisch weiter entfernten Verwandten deutlich geringer (Suizidversuch: OR = 1,59 [95 %-KI, 1,47–1,73] bei mütterlichen Halbgeschwistern, OR = 1,57 [95 %-KI, 1,45–1,70] bei väterlichen Halbgeschwistern und OR = 1,39 [95 %-KI, 1,35–1,43] bei jüngeren Halbgeschwistern). Cousins; vollendeter Suizid: OR = 1,51 [95 %-KI, 1,08–2,10], OR = 2,02 [95 %-KI, 1,47–2,79] bzw. OR = 1,51 [95 %-KI, 1,36–1,67]. Diese familiären Häufungsmuster blieben geschlechtsunabhängig, auch nach Ausschluss von Verwandten mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Probanden mit suizidalem Verhalten sowie nach Ausschluss von Probanden und Verwandten mit schweren Komorbiditäten. SCHLUSSFOLGERUNGEN UND RELEVANZ: ADHS ist mit einem erhöhten Risiko für Suizidversuche und vollendete Suizide verbunden. Das Muster der familiären Risiken über verschiedene Verwandtschaftsgrade hinweg deutet darauf hin, dass gemeinsame genetische Faktoren für diesen Zusammenhang von Bedeutung sind. Dies ist ein wichtiger erster Schritt zur Identifizierung der zugrunde liegenden Mechanismen für das Risiko suizidalen Verhaltens bei Patienten mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung und legt nahe, dass Personen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung und ihre Familienmitglieder wichtige Zielgruppen für Suizidprävention und -behandlung sind.

Kategorien: ADHS bei Erwachsenen, Affektive Störungen, Diagnostik

Schlagwörter: ADHS, Erwachsene, Diagnostik, Komorbidität, Hyperaktivität, Genetik, Geschlecht

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