Verletzungsprävention durch Medikamente bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung: Eine Fallstudie
Rafael Mikolajczyk, Johannes Horn, Niklas Schmedt, Ingo Langner, Christina Lindemann, Edeltraut Garbe (2015)
JAMA Pediatrics 169(4), 391-5
Zusammenfassung
Bedeutung: Kinder und Jugendliche mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) haben ein erhöhtes Verletzungsrisiko. ADHS wird häufig medikamentös behandelt, die Evidenz zur Prävention von Verletzungen ist jedoch unklar. Ziel: In einer Fall-Kontroll-Studie soll untersucht werden, ob die Einnahme von Methylphenidathydrochlorid oder Atomoxetinhydrochlorid das Verletzungsrisiko bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS reduziert. STUDIENDESIGN, -UMFELD UND -TEILNEHMER: Wir nutzten die Deutsche Pharmakoepidemiologische Forschungsdatenbank, die Daten von etwa 17 Millionen Versicherten (ca. 20 % der Bevölkerung) aus vier gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland umfasst, um Kinder im Alter von 3 bis 17 Jahren mit einer neu diagnostizierten ADHS in den Jahren 2005 und 2006 zu identifizieren. Anhand der stationären und ambulanten Diagnosecodes (F90.0, F90.1 und F90.9) der deutschen Modifikation der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision (ICD-10), identifizierten wir 37.650 Kinder mit ADHS. Unter ihnen ermittelten wir diejenigen, bei denen im Verlauf der Nachbeobachtung bis 2009 eine Verletzung als Grund für einen stationären Krankenhausaufenthalt diagnostiziert wurde. Insgesamt wurden 2128 Kinder mit einer Verletzungsdiagnose bei Krankenhausaufenthalt, davon 821 mit einer Hirnverletzung, in die Analyse eingeschlossen. Wir verwendeten das Design einer selbstkontrollierten Fallserie, um zeitlich invariante Patientenmerkmale und zeitliche Trends in der Exposition zu kontrollieren. EXPOSITION: Behandlung mit Methylphenidat oder Atomoxetin basierend auf Verschreibungsdaten. HAUPTZIELGRÖSSEN UND -MESSGRÖSSEN: Krankenhausaufenthalte aufgrund von Verletzungen jeglicher Art oder Hirnverletzungen gemäß der Diagnosematrix für Verletzungsmortalität. ERGEBNISSE: Die Inzidenzratenverhältnisse für die Zeiträume mit Medikation im Vergleich zu den Zeiträumen ohne Medikation betrugen 0,87 (95 %-KI: 0,74–1,02) für Krankenhausaufenthalte aufgrund von Verletzungen jeglicher Art und 0,66 (95 %-KI: 0,48–0,91) für Hirnverletzungen allein in der Gesamtstichprobe. Diese Schätzwerte blieben in Sensitivitätsanalysen stabil, in denen die Stichprobe auf eine engere Altersspanne oder auf Patienten mit einem einzigen Krankenhausaufenthalt beschränkt wurde. Es gab keine Hinweise darauf, dass die Medikamentenverschreibungen nach Krankenhausaufenthalten zunehmen. SCHLUSSFOLGERUNGEN UND RELEVANZ: Während der Einnahme von ADHS-Medikamenten wurde keine signifikante Risikoreduktion für Krankenhausaufenthalte aufgrund von Verletzungen beobachtet. Es zeigte sich jedoch ein präventiver Effekt auf das Risiko von Hirnverletzungen (34 % Risikoreduktion). Die Effekte wurden durch das Studiendesign hinsichtlich zeitlich konstanter Patientenmerkmale kontrolliert.
Kategorien: ADHS bei Kindern, Diagnostik, Medikamente
Schlagwörter: ADHS, ADHS bei Kindern, Kinder, Jugendliche, Diagnostik, Methylphenidat, Atomoxetin, Stimulanzien, Hyperaktivität, Epidemiologie, Schule
