Biologische und mütterliche Einflüsse auf die ADHS-Symptome des Kindes: Eine erneute Betrachtung der entwicklungsbedingten Schnittstelle zwischen Anlage und Umwelt

Gordon Harold, Leslie Leve, Douglas Barrett, Kit Elam, Jenae Neiderhiser, Misaki Natsuaki, Daniel Shaw, David Reiss, Anita Thapar (2013)

Journal of child psychology and psychiatry, and allied disciplines 54(10), 1038-1046

Zusammenfassung

HINTERGRUND: Familien von Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) berichten häufiger von negativen Familienbeziehungen als Familien von Kindern ohne ADHS. Unklar ist weiterhin, welche Rolle genetische Faktoren bei den Zusammenhängen zwischen Familienbeziehungen und ADHS-Symptomen der Kinder spielen und inwieweit die ADHS-Symptome der Kinder die Qualität der Beziehungen innerhalb dieser Familien beeinflussen. Die vorliegende Studie untersuchte mithilfe zweier genetisch sensitiver Forschungsdesigns Zusammenhänge zwischen biologisch und nicht biologisch bedingten mütterlichen ADHS-Symptomen, Erziehungspraktiken, kindlicher Impulsivität/Aktivierung und kindlichen ADHS-Symptomen. Die Kombination der Studiendesigns ermöglicht die Beurteilung von Zusammenhängen unter Berücksichtigung passiver Genotyp-Umwelt-Korrelationen und die direkte Untersuchung evokativer Genotyp-Umwelt-Korrelationen (rGE); zwei in der bisherigen Forschung auf diesem Gebiet relativ wenig beachtete Störfaktoren. Methoden: Es wurden eine Querschnittstudie zur Adoption bei der Empfängnis (Cardiff IVF-Studie; C-IVF) und eine Längsschnittstudie zur Adoption bei der Geburt (Early Growth and Development Study; EGDS) durchgeführt. Die C-IVF-Stichprobe umfasste 160 Mütter und Kinder (5–8 Jahre). Die EGDS-Stichprobe umfasste 320 verbundene Paare von adoptierten Kindern (6 Jahre) mit Adoptiv- und biologisch verwandten Müttern. Mithilfe von Fragebögen wurden mütterliche ADHS-Symptome, Erziehungspraktiken, kindliche Impulsivität/Aktivierung und kindliche ADHS-Symptome erfasst. Die Beurteilungen des mütterlichen Verhaltens (Mutterberichte) und der kindlichen ADHS-Symptome (Vaterberichte) erfolgten mittels eines Cross-Rater-Ansatzes. Ergebnisse: In beiden Stichproben zeigten sich signifikante Zusammenhänge zwischen den ADHS-Symptomen der erziehenden Mutter, feindseligem Erziehungsverhalten und den kindlichen ADHS-Symptomen. Da beide Stichproben aus genetisch nicht verwandten Müttern und Kindern bestanden, konnte eine passive Gen-Umwelt-Interaktion (rGE) als möglicher Erklärungsfaktor für diese Zusammenhänge ausgeschlossen werden. Die Pfadanalyse ergab zudem Hinweise auf evokative rGE-Prozesse in der Längsschnittstudie zur Adoption bei der Geburt (EGDS). Diese Prozesse führten von biologisch bedingten mütterlichen ADHS-Symptomen über frühkindliche Verhaltensauffälligkeiten (Impulsivität/Aktivierung) zu biologisch nicht bedingtem, feindseligem Erziehungsverhalten der Mutter. Dabei korrelierten feindseliges Erziehungsverhalten und Verhaltensauffälligkeiten des Kindes mit späteren ADHS-Symptomen des Kindes, selbst unter Berücksichtigung gleichzeitiger ADHS-Symptome der Adoptivmutter. SCHLUSSFOLGERUNGEN: Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung genetisch beeinflusster, mit ADHS assoziierter Temperamentsmerkmale des Kindes für genetisch nicht bedingtes, feindseliges mütterliches Verhalten, das wiederum mit späteren ADHS-Symptomen des Kindes zusammenhängt. Implikationen für Interventionsprogramme, die auf frühkindliche Familienprozesse und die Vorläufer von ADHS-Symptomen im Kindesalter abzielen, werden diskutiert.

Kategorien: ADHS bei Erwachsenen, ADHS bei Kindern, Diagnostik

Schlagwörter: ADHS, Kinder, Erwachsene, Diagnostik, Hyperaktivität, Impulsivität, Genetik, Geschlecht, Schule

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