Lebenszeitprävalenz, Risikoalter und genetische Zusammenhänge komorbider psychiatrischer Störungen beim Tourette-Syndrom
Matthew Hirschtritt, Paul Lee, David Pauls, Yves Dion, Marco Grados, Cornelia Illmann, Robert King, Paul Sandor, William McMahon, Gholson Lyon, Danielle Cath, Roger Kurlan, Mary Robertson, Lisa Osiecki, Jeremiah Scharf, Carol Mathews (2015)
JAMA Psychiatry 72(4), 325-33
Zusammenfassung
Bedeutung: Das Tourette-Syndrom (TS) ist durch eine hohe Rate an psychiatrischen Komorbiditäten gekennzeichnet; allerdings wurden diese Komorbiditäten bisher nur in wenigen Studien umfassend charakterisiert. Zudem umfassten die meisten Studien relativ wenige Teilnehmende (< 200), und keine untersuchte das Alter mit dem höchsten Risiko für die einzelnen TS-assoziierten Komorbiditäten oder deren ätiologischen Zusammenhang mit TS. Ziel: Charakterisierung der Lebenszeitprävalenz, der klinischen Assoziationen, des Alters mit dem höchsten Risiko und der Ätiologie psychiatrischer Komorbiditäten bei Personen mit TS. Studiendesign, Setting und Teilnehmende: Querschnittliche, strukturierte diagnostische Interviews wurden zwischen dem 1. April 1992 und dem 31. Dezember 2008 mit Teilnehmenden mit TS (n = 1374) und nicht betroffenen Familienmitgliedern (n = 1142) durchgeführt. HAUPTERGEBNISSE UND MESSGRÖSSEN: Lebenszeitprävalenz komorbider Störungen nach DSM-IV-TR, deren Erblichkeit, Alter des maximalen Risikos und Zusammenhänge mit der Schwere der Symptome, dem Erkrankungsbeginn und der psychiatrischen Vorgeschichte der Eltern. ERGEBNISSE: Die Lebenszeitprävalenz jeglicher psychiatrischer Komorbidität bei Personen mit Tourette-Syndrom betrug 85,7 %; 57,7 % der Population wiesen zwei oder mehr psychiatrische Störungen auf. Die mittlere Anzahl (SD) komorbider Diagnosen im Lebensverlauf betrug 2,1 (1,6); die mittlere Anzahl betrug 0,9 (1,3), wenn Zwangsstörungen (OCD) und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ausgeschlossen wurden, und 72,1 % der Personen erfüllten die Kriterien für OCD oder ADHS. Andere Störungen, darunter affektive Störungen, Angststörungen und Störungen des Sozialverhaltens, traten jeweils bei etwa 30 % der Teilnehmenden auf. Das Alter mit dem höchsten Risiko für den Beginn der meisten komorbiden psychiatrischen Störungen lag zwischen 4 und 10 Jahren, mit Ausnahme von Essstörungen und Substanzkonsumstörungen, die in der Adoleszenz begannen (Interquartilsabstand: 15–19 Jahre für beide). Das Tourette-Syndrom war unabhängig von komorbider Zwangsstörung und ADHS mit einem erhöhten Risiko für Angststörungen (Odds Ratio [OR] 1,4; 95 %-Konfidenzintervall [KI] 1,0–1,9; p = 0,04) und einem verringerten Risiko für Substanzkonsumstörungen (OR 0,6; 95 %-KI 0,3–0,9; p = 0,02) assoziiert. Die hohe Prävalenz von affektiven Störungen bei Teilnehmern mit Tourette-Syndrom (29,8 %) lässt sich jedoch möglicherweise durch die komorbide Zwangsstörung erklären (OR 3,7; 95 %-KI 2,9–4,8; p < 0,001). Eine familiäre Vorbelastung mit ADHS war mit einer höheren Belastung durch komorbide psychiatrische Störungen (außer Zwangsstörungen und ADHS) assoziiert (OR 1,86; 95 %-KI 1,32–2,61; p < 0,001). Genetische Korrelationen zwischen dem Tourette-Syndrom und Stimmungsstörungen (RhoG 0,47), Angststörungen (RhoG 0,35) und Störungen des Sozialverhaltens (RhoG 0,48) lassen sich möglicherweise durch ADHS und, im Falle von Stimmungsstörungen, durch Zwangsstörungen erklären. SCHLUSSFOLGERUNGEN UND RELEVANZ: Diese Studie ist unseres Wissens die umfassendste ihrer Art. Sie bestätigt die Annahme, dass psychiatrische Komorbiditäten bei Menschen mit Tourette-Syndrom häufig vorkommen, zeigt, dass die meisten Komorbiditäten früh im Leben beginnen, und deutet darauf hin, dass bestimmte Komorbiditäten durch das Vorliegen einer komorbiden Zwangsstörung oder ADHS vermittelt werden können. Darüber hinaus legen genetische Analysen nahe, dass einige Komorbiditäten eher mit Zwangsstörungen und/oder ADHS als mit dem Tourette-Syndrom biologisch verwandt sein könnten.
Kategorien: Affektive Störungen, Diagnostik, Sucht
Schlagwörter: ADHS, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Diagnostik, Komorbidität, Hyperaktivität, Angst, Sucht, Genetik, Prävalenz, Geschlecht, Schule
