Dimensionalität der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung: die verlässliche „g“-Dimension und die schwer fassbare „s“-Dimension
Flavia Wagner, Michelle Martel, Hugo Cogo-Moreira, Carlos Renato Moreira Maia, Pedro Pan, Luis Rohde, Giovanni Salum (2015)
European Child & Adolescent Psychiatry 25(1), 83-90
Zusammenfassung
Das beste Strukturmodell für die Symptome der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist weiterhin Gegenstand der Diskussion. Ziel dieser Studie war es, die Passung und die Faktorreliabilität konkurrierender Modelle der dimensionalen Struktur von ADHS-Symptomen an einer Stichprobe zufällig ausgewählter Risikokinder und -jugendlicher aus Brasilien zu überprüfen. Unsere Stichprobe umfasste 2512 Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren aus 57 Schulen in Brasilien. Die ADHS-Symptome wurden mithilfe von Elternberichten im Rahmen der Entwicklungs- und Wohlbefindensbeurteilung (DAWBA) erfasst. Anhand von Fit-Indizes aus konfirmatorischen Faktorenanalysen wurden unidimensionale, korrelierte und Bifaktormodelle von ADHS getestet. Letztere umfassten die Faktoren „g“ (Allgemeine Intelligenz) und „s“ (Symptomdomäne). Die Reliabilität aller Modelle wurde mit Omega-Koeffizienten gemessen. Ein Bifaktormodell mit einem allgemeinen Faktor und drei spezifischen Faktoren (Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität) zeigte gemäß den Fit-Indizes die beste Anpassung an die Daten sowie die konsistentesten Faktorladungen. Die Omega-Reliabilitätsstatistik zeigte jedoch, dass die spezifischen Dimensionen Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität nach Berücksichtigung des zuverlässigen allgemeinen ADHS-Faktors nur sehr wenige verlässliche Informationen lieferten. Unsere Studie liefert psychometrische Hinweise darauf, dass ADHS-spezifische („s“) Faktoren nach Berücksichtigung der allgemeinen („g“-Faktor) Varianz unzuverlässig sein könnten. Diese Ergebnisse decken sich mit der mangelnden Längsschnittstabilität der Subtypen, dem Fehlen dimensionsspezifischer molekulargenetischer Befunde und den unspezifischen Effekten von Behandlungsstrategien. Daher sollten sich Forschende und Kliniker zur Charakterisierung des dimensionalen ADHS-Phänotyps anhand der aktuell verfügbaren Symptomitems am effektivsten auf den „g“-Faktor stützen.
Kategorien: ADHS bei Kindern, Diagnostik, Therapie
Schlagwörter: ADHS, Kinder, Jugendliche, Diagnostik, Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität, Genetik, Geschlecht, Schule
