Emotionsdysregulation als klinisch relevante Dimension der ADHS im Erwachsenenalter: Eine multidimensionale klinische Studie
Paola Landi, Miriam Olivola, Arianna De Ciechi, Luca Giacovelli, Yacob Levin Reibman, Viviana Venturi, Vera Viganò, Bernardo Dell'Osso (2026)
Brain Sciences 16(6), 577
Zusammenfassung
Hintergrund: Emotionsdysregulation wird zunehmend als klinisch relevante Dimension der ADHS im Erwachsenenalter verstanden, ihre mehrdimensionale Struktur und ihr eigenständiger Beitrag über Impulsivität und Komorbidität hinaus sind aber unzureichend geklärt. Methode: In dieser querschnittlichen Beobachtungsstudie bearbeiteten 231 Erwachsene mit per strukturiertem Interview (DIVA-5) gesicherter DSM-5-Diagnose einer ADHS die Difficulties in Emotion Regulation Scale (DERS). Untersucht wurden Zusammenhänge mit Erscheinungsbild, psychiatrischer Komorbidität, aktueller Substanzgebrauchsstörung (SUD), Impulsivität (BIS-11), problematischer Internetnutzung (IAT), Camouflaging (CAT-Q) und Funktionsniveau. Ergebnisse: Die Teilnehmenden zeigten gegenüber Referenzdaten erhöhte Emotionsdysregulation, am deutlichsten in der Subskala Clarity, gefolgt von Goals, Nonacceptance und Impulse. Das kombinierte Erscheinungsbild war mit stärkerer Dysregulation verbunden als der vorwiegend unaufmerksame Typ; höhere DERS-Gesamtwerte fanden sich außerdem bei psychiatrischer Komorbidität und aktueller SUD. Der DERS-Gesamtwert korrelierte positiv mit aktuellen und retrospektiv erfassten kindlichen ADHS-Symptomen, depressiven Symptomen, State- und Trait-Angst, Impulsivität, problematischer Internetnutzung und Camouflaging sowie negativ mit der ADHS-bezogenen Lebensqualität. In Regressionsmodellen waren aktuelle SUD, aktuelle und kindliche ADHS-Symptome, Trait-Angst und Lebensqualität unabhängig assoziiert. Schlussfolgerung: Emotionsdysregulation lässt sich nur teilweise über Impulsivität erklären und ist eng mit psychosozialer Beeinträchtigung und maladaptiven Bewältigungsstrategien verbunden. Die Autoren plädieren für ein integriertes affektiv-exekutives Modell und gezielte, fertigkeitsbasierte Interventionen.
Kategorien: ADHS bei Erwachsenen, Sucht
Schlagwörter: Emotionsregulation, ADHS im Erwachsenenalter, Impulsivität, Sucht, Komorbidität, Lebensqualität
