Eine Beobachtungsstudie zur Heterogenität des Ansprechens bei Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung nach Umstellung der Behandlung auf Methylphenidat mit modifizierter Freisetzung
Christopher Hautmann, Aribert Rothenberger, Manfred Dopfner (2013)
BMC Psychiatry 13, 219
Zusammenfassung
HINTERGRUND: Methylphenidat (MPH) hat sich in der Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern als wirksam erwiesen. Die Gesamtpopulation der Kinder und Jugendlichen mit ADHS kann aus verschiedenen Patientengruppen bestehen, die unterschiedlich auf MPH ansprechen. Ziel dieser Analyse war es, Subgruppen mit unterschiedlichen Behandlungsverläufen zu identifizieren und deren charakteristische Merkmale zu ermitteln. METHODEN: OBSEER war eine prospektive Beobachtungsstudie, die die Wirksamkeit und Sicherheit von einmal täglich verabreichtem, retardiertem MPH über 3 Monate bei Patienten (im Alter von 6–17 Jahren) mit ADHS im Rahmen der Regelversorgung untersuchte. Die Untersuchungen erfolgten zu Studienbeginn (Visite 1), nach 1–3 Wochen (Visite 2) und nach 6–12 Wochen (Visite 3) nach der ersten Anwendung von einmal täglich retardiertem MPH. Die Veränderung der ADHS-Symptome, wie von Eltern und Lehrern beurteilt, wurde post hoc bei Patienten der Intention-to-Treat-Population (N = 822) untersucht. Mithilfe von Wachstums- und Mischungsmodellen wurden nach Medikamentenwechsel Gruppen mit unterschiedlichem Ansprechen auf die Behandlung identifiziert. Alter, MPH-Dosis bei Besuch 1 vor dem Medikamentenwechsel, verordnete einmal täglich verabreichte Dosis von modifiziertem MPH bei den Besuchen 1 und 2, Verhaltensauffälligkeiten und emotionale Symptome wurden als Prädiktoren für die Zugehörigkeit zu diesen Subgruppen berücksichtigt. ERGEBNISSE: Die Bewertung formaler statistischer Kriterien und der Nützlichkeit der Modelle ergab, dass ein 4-Klassen-Modell die Daten am besten abbildete: Nach dem Medikamentenwechsel zeigten sich zwei Gruppen mit schweren Symptomen zu Studienbeginn und anschließend deutlichen Behandlungseffekten sowie zwei Gruppen mit keinem oder vergleichsweise geringen Behandlungseffekt, wobei eine Gruppe zu Studienbeginn schwere und die andere weniger schwere Symptome aufwies. Patientenalter, Verhaltensauffälligkeiten und MPH-Dosis bei Besuch 1 waren Prädiktoren für die Zugehörigkeit zu den Subgruppen. SCHLUSSFOLGERUNGEN: Ältere Kinder und Kinder mit wenigen Verhaltensauffälligkeiten gehörten mit höherer Wahrscheinlichkeit zu einer Patientengruppe mit weniger Symptomen zu Studienbeginn. Kinder mit einer niedrigen MPH-Dosis vor der Medikamentenumstellung hatten eine höhere Wahrscheinlichkeit, nach der Umstellung zu der Patientengruppe mit einem starken Therapieansprechen zu gehören. Die vorliegenden Analysen sollen dazu beitragen, Kinder zu identifizieren, die voraussichtlich einen günstigen Therapieverlauf mit MPH erzielen, sowie diejenigen, die alternative Behandlungsmöglichkeiten benötigen.
Kategorien: ADHS bei Kindern, Medikamente, Therapie
Schlagwörter: ADHS, Kinder, Jugendliche, Diagnostik, Methylphenidat, Stimulanzien, Hyperaktivität, Geschlecht, Emotionen, Schule
