Geschlechtsunterschiede bei Diagnose und Versorgung der ADHS: Eine nationale Studie anhand von Versorgungsdaten in Wales
Joanna Martin, Kate Langley, Miriam Cooper, Olivier Y. Rouquette, Ann John, Kapil Sayal, Tamsin Ford, Anita Thapar (2024)
Journal of Child Psychology and Psychiatry 65(12), 1648-1658
Zusammenfassung
Hintergrund: Bevölkerungsbasierte Studien zeigen Geschlechtsbias bei Diagnose und Behandlung der ADHS: Frauen erhalten seltener eine Diagnose oder eine medikamentöse Behandlung. Die Studie nutzt nationale Versorgungsdaten, um Geschlechtsunterschiede bei Diagnose und klinischer Versorgung junger Menschen mit ADHS zu untersuchen, besonders hinsichtlich Erkennung und Behandlung weiterer psychischer Erkrankungen. Methode: Die Kohorte umfasste Personen mit ADHS-Diagnose, geboren zwischen 1989 und 2013 und zwischen 2000 und 2019 in Wales lebend. Aus Routinedaten der primären und sekundären Versorgung wurden Diagnosen der ADHS, weiterer Entwicklungs- und psychischer Störungen sowie Verordnungen von ADHS-Medikamenten und Antidepressiva abgeleitet. Ergebnisse: 16.458 Personen mit ADHS-Diagnose (20,3 % weiblich, Alter 3 bis 30 Jahre) ergaben ein Verhältnis von 3,9:1 zwischen männlich und weiblich. Höhere Verhältnisse (4,8:1) fanden sich bei Diagnose in jüngerem Alter (unter 12 Jahren), das niedrigste (1,9:1) bei Diagnose im Erwachsenenalter (über 18). Männliche Betroffene waren bei der ersten dokumentierten ADHS-Diagnose jünger (Mittelwert 10,9 gegenüber 12,6 Jahren), erhielten häufiger ADHS-Medikamente und waren bei Diagnose begleitender Entwicklungsstörungen jünger. Weibliche Betroffene erhielten dagegen häufiger die Diagnose einer Angststörung, Depression oder anderen psychischen Erkrankung und vor der ADHS-Diagnose häufiger Antidepressiva. Diese Unterschiede waren über demografische Gruppen hinweg weitgehend stabil. Schlussfolgerung: Mädchen und Frauen mit ADHS werden später erkannt und behandelt, möglicherweise teils wegen diagnostischer Überschattung durch andere psychische Erkrankungen oder initialer Fehldiagnosen.
Kategorien: ADHS bei Kindern, Diagnostik
Schlagwörter: Geschlecht, Diagnostik, Kinder und Jugendliche, Komorbidität, Pharmakotherapie, Epidemiologie
