ADHS bei Mädchen und Jungen – Geschlechtsunterschiede bei Begleitsymptomen und exekutiven Funktionsmessungen

Erik Skogli, Martin Teicher, Per Andersen, Kjell Hovik, Merete Oie (2013)

BMC Psychiatry 13, 298

Zusammenfassung

HINTERGRUND: ADHS wird bei Jungen häufiger diagnostiziert und behandelt als bei Mädchen. Studien zu Geschlechtsunterschieden legen nahe, dass Mädchen aufgrund der unterschiedlichen Ausprägung der Störung bei Jungen und Mädchen möglicherweise systematisch unterdiagnostiziert werden. Ziel der vorliegenden Studie war es, an einer klinischen Stichprobe von medikationsnaiven Jungen und Mädchen mit ADHS zu untersuchen, ob signifikante Wechselwirkungen zwischen Geschlecht und Diagnose hinsichtlich der Schwere von Begleitsymptomen und der Beeinträchtigung exekutiver Funktionen (EF) bestehen. Ein weiteres Ziel war es, spezifische Symptombewertungen und EF-Messungen zu identifizieren, die am wichtigsten sind, um ADHS von gesunden Kontrollpersonen (GK) gleichen Geschlechts zu unterscheiden. METHODEN: Eingeschlossen wurden 37 Mädchen und 43 Jungen mit ADHS sowie 18 Mädchen und 32 Jungen der GK im Alter von 8 bis 17 Jahren. Begleitsymptome wurden mittels Selbstbeurteilungsskalen und Elternbeurteilungen erfasst. Die EF wurde anhand von Elternbeurteilungen exekutiver Fähigkeiten in Alltagssituationen (BRIEF) und neuropsychologischen Tests beurteilt. Die drei Messbereiche (Begleitsymptome, BRIEF, neuropsychologische EF-Tests) wurden mittels Varianzanalyse (ANOVA) und Random-Forest-Klassifikation untersucht. ERGEBNISSE: Die ANOVAs ergaben lediglich eine signifikante Interaktion zwischen Diagnose und Geschlecht, wobei Frauen mit ADHS häufiger selbstberichtete Angstsymptome angaben. Die Random-Forest-Klassifikation zeigte, dass die Beurteilung von Begleitsymptomen bei Frauen (93 % Genauigkeit) deutlich besser zwischen ADHS-Patienten und gesunden Kontrollpersonen (GK) differenzierte als bei Männern (86 % Genauigkeit). Die wichtigste Unterscheidungsvariable war bei Frauen die selbstberichtete Angst, bei Männern die Einschätzung des Regelverstoßes durch die Eltern. Die Einschätzung der exekutiven Funktionen durch die Eltern differenzierte bei Männern (96 % Genauigkeit) besser zwischen ADHS-Patienten und GK als bei Frauen (92 % Genauigkeit). Neuropsychologische EF-Tests zeigten nur eine mäßige Fähigkeit, Probanden in die Kategorien ADHS oder GK einzuordnen, sowohl bei Männern (73 % Genauigkeit) als auch bei Frauen (79 % Genauigkeit). SCHLUSSFOLGERUNGEN: Unsere Ergebnisse unterstreichen den Nutzen der Kombination von Selbst- und Fremdbeurteilungsskalen zur Identifizierung unterschiedlicher komorbider Symptomausprägungen bei Jungen und Mädchen mit bereits diagnostizierter ADHS. Selbstbeurteilungsskalen können das Bewusstsein für internalisierende Probleme schärfen, die insbesondere bei Mädchen mit ADHS relevant sind.

Kategorien: Angststörungen, Diagnostik, Medikamente

Schlagwörter: ADHS, Kinder, Jugendliche, Diagnostik, Komorbidität, Exekutive Funktionen, Hyperaktivität, Angst, Geschlecht, Neuropsychologie

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