Endlich ergibt einiges einen Sinn. Die verlegten Schlüssel, die abgebrochenen Vorhaben, dieses merkwürdige Nebeneinander von stundenlanger Vertiefung und fünf Minuten, die sich nicht überbrücken lassen. Eine ADHS-Diagnose kann helfen, die eigene Geschichte neu zu verstehen. Nur erklärt sie nicht automatisch alles, was gerade schwerfällt.
Vielleicht ist da auch eine Angst, die den Alltag immer enger macht. Vielleicht ist seit Wochen die Freude verschwunden. Oder die Nächte sind so schlecht, dass tagsüber kaum noch etwas geht. Solche Beschwerden verdienen einen eigenen Blick. Psychische Begleiterkrankungen sind bei ADHS häufig; welche und wie häufig, hängt unter anderem vom Alter und davon ab, wen eine Studie untersucht.1, 2
Die hilfreiche Frage lautet deshalb: Welche Beschwerden gehören bei dir zusammen, und welche brauchen zusätzlich eine eigene Behandlung?
Drei Dinge, die leicht durcheinandergeraten
Eine Komorbidität ist eine weitere Erkrankung oder Störung, die gleichzeitig vorliegt. Wenn die Kriterien für ADHS und für eine Depression erfüllt sind, bestehen beide Diagnosen. Das Wort sagt zunächst nichts darüber, ob die eine Erkrankung die andere verursacht hat.
Eine Differenzialdiagnose ist dagegen eine mögliche andere Erklärung. Konzentrationsprobleme können zum Beispiel auch im Zusammenhang mit einer Depression oder mit Schlafproblemen auftreten. Dann muss die Diagnostik klären, ob ADHS, eine andere Erkrankung oder beides vorliegt. Ein Fragebogen allein kann diese Arbeit nicht erledigen.3
Und dann gibt es Beschwerden, die häufig mit ADHS verbunden sind, ohne deshalb automatisch eine zusätzliche Diagnose darzustellen. Schwierigkeiten, starke Gefühle zu regulieren, gehören dazu. Sie können sehr belastend sein. Der Begriff „emotionale Dysregulation“ beschreibt aber zunächst ein Problem, das bei unterschiedlichen psychischen Störungen vorkommen kann.4
Diese Unterscheidung hat praktische Folgen. Wer jede Schwierigkeit als ADHS verbucht, kann eine behandelbare Begleiterkrankung übersehen. Wer für jede Schwierigkeit sofort ein neues Etikett vergibt, macht aus einem Menschen eine Diagnosensammlung. Beides hilft wenig.
Häufig ist nicht gleich unvermeidlich
Eine systematische Übersicht von Choi und Kollegen wertete 32 Studien zu Erwachsenen aus. Substanzgebrauchsstörungen, affektive Störungen wie Depressionen, Angststörungen und Persönlichkeitsstörungen wurden in den untersuchten ADHS-Gruppen häufiger gefunden als in den jeweiligen Vergleichsgruppen. Die Häufigkeiten schwankten allerdings erheblich. Das lag unter anderem an verschiedenen Diagnoseverfahren und unterschiedlichen Stichproben.1
Eine Spezialambulanz sieht andere Menschen als eine Bevölkerungsstudie. Wer wegen mehrerer schwerer Beschwerden Behandlung sucht, ist in einer Klinik naturgemäß häufiger vertreten. Eine dort ermittelte Zahl lässt sich deshalb nicht einfach auf alle Menschen mit ADHS übertragen.
Bei Kindern und Jugendlichen ergibt sich wiederum ein anderes Bild. Eine Metaanalyse von 2025 schloss 121 Studien mit insgesamt 39.894 jungen Menschen mit ADHS ein. Über die Studien hinweg lag der geschätzte Anteil mit einer Angststörung bei 18,4 Prozent. Oppositionelle Störungen wurden bei 34,7 Prozent und Störungen des Sozialverhaltens bei 10,7 Prozent erfasst. Das sind statistische Zusammenfassungen der untersuchten Gruppen, keine Vorhersagen für ein bestimmtes Kind. Und man darf die Prozente nicht zusammenzählen: Ein Kind kann mehr als eine Begleitdiagnose haben.2
Für Betroffene ist die wichtigste Information daher nicht die höchste Zahl, die sich irgendwo finden lässt. Es ist die Frage, ob zusätzliche Beschwerden erkannt und ernst genommen werden.
Welche Bereiche einen genaueren Blick verdienen
Schlaf ist ein guter Anfang. Einschlafprobleme, ein sehr später Schlafrhythmus und ausgeprägte Müdigkeit am Tag sind unterschiedliche Probleme. Sie können die ohnehin schwierige Alltagssteuerung zusätzlich belasten. Die Abklärung sollte auch eigenständige Schlafstörungen berücksichtigen, statt jede schlechte Nacht mit ADHS zu erklären.5
Bei Depression und Angst überschneiden sich manche Beschwerden mit ADHS: Konzentration, Antrieb oder innere Unruhe können bei mehreren Störungsbildern betroffen sein. Entscheidend ist das Gesamtbild einschließlich des Verlaufs. Seit wann bestehen die Beschwerden? Was hat sich verändert? Welche Gedanken, Gefühle und Einschränkungen kommen hinzu? Die Erwachsenenforschung zeigt ein häufiges gemeinsames Auftreten, liefert aber keine Rechtfertigung dafür, jede Depression oder Angst als bloße Folge von ADHS abzutun.1, 6
Autismus kann gemeinsam mit ADHS vorliegen. Überschneidungen machen die diagnostische Arbeit anspruchsvoll: Dass jemand in einem Gespräch den Anschluss verliert, erklärt noch nicht, weshalb das passiert. Hier sind Entwicklungsgeschichte, konkrete Alltagssituationen und mehrere Informationsquellen besonders wichtig.7
Emotionale Dysregulation verdient ebenfalls Aufmerksamkeit. Eine starke Reaktion auf Frust kann mit ADHS zusammenhängen. Sie ist für sich genommen aber weder ein Beweis für ADHS noch für eine bestimmte zusätzliche Erkrankung. Forschung an Erwachsenen zeigt deutliche Unterschiede gegenüber gesunden Vergleichsgruppen, zugleich aber uneinheitliche Definitionen und Messverfahren.4
Auch problematischer Substanzgebrauch gehört in die Abklärung. Die systematische Erwachsenenübersicht zeigt hier eine erhöhte Belastung. Warum jemand konsumiert und welche Rolle eine ADHS-Behandlung spielt, sind jedoch eigene Fragen. Aus dem gemeinsamen Auftreten lässt sich kein einheitlicher Mechanismus ableiten.1
Der Verlauf erzählt mehr als ein einzelner Testwert
In einer sorgfältigen Diagnostik geht es nicht nur darum, möglichst viele Kästchen anzukreuzen. ADHS wird anhand einer umfassenden klinischen und entwicklungsbezogenen Beurteilung diagnostiziert. Dazu gehören Beeinträchtigungen in verschiedenen Lebensbereichen und die Prüfung zusätzlicher Erkrankungen.3
Für das Gespräch kann eine kurze Zeitleiste nützlich sein: Was war schon in der Kindheit schwierig? Welche Probleme kamen später hinzu? Gab es längere Phasen, in denen Stimmung, Schlaf oder Angst deutlich anders waren? Was veränderte sich nach einer Behandlung? Schulzeugnisse, frühere Befunde oder Beobachtungen nahestehender Menschen können dabei Informationen beitragen. Sie ersetzen die eigene Perspektive nicht.7
Ein alltagstaugliches Beispiel ist oft aufschlussreicher als „Ich bin immer unkonzentriert“. Hast du beim Lesen ständig neue Ideen? Verlierst du den Faden, weil sich dieselbe Sorge dazwischenschiebt? Oder bist du so müde, dass du mehrfach dieselbe Zeile liest? Keine dieser Antworten stellt eine Diagnose. Sie hilft aber, die nächste Frage sinnvoll zu stellen.
Eine Behandlung braucht mehr als einen Zielwert
Wenn mehrere Störungen zusammenkommen, sollten Behandlungsziele aufeinander abgestimmt werden. Weniger ADHS-Symptome, besserer Schlaf und weniger Angst sind verschiedene Ziele. Eine Verbesserung in einem Bereich ist erfreulich, beweist aber noch nicht, dass alle anderen Probleme ausreichend behandelt sind.
Auch die Forschung gibt keinen einfachen Fahrplan für jede Kombination her. Eine systematische Übersicht zur medikamentösen Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit ADHS und psychiatrischen Begleiterkrankungen fand erhebliche Lücken, insbesondere bei direkten Vergleichen zwischen Medikamenten. Die Ergebnisse erlauben keine pauschale Regel nach dem Muster „Zusatzdiagnose X bedeutet immer Medikament Y“.8
Im Behandlungsgespräch lohnt es sich deshalb, konkret zu werden: Welche Beschwerden sollen sich zuerst verändern? Woran merken wir eine Verbesserung? Und wann prüfen wir, ob etwas übersehen wurde? Eine zusätzliche Diagnose ist dann hilfreich, wenn sie das Verständnis und die Versorgung verbessert. Auf die Länge der Liste kommt es nicht an.
Die Themen im Einzelnen
Die vertiefenden Artikel behandeln ADHS und Schlafstörungen, ADHS und Depression, ADHS und Angststörungen, ADHS und Autismus, ADHS und emotionale Dysregulation. Jeder Text geht genauer auf die Abklärung und die jeweilige Forschung zur Behandlung ein.
Literatur
- Choi WS et al. (2022). The prevalence of psychiatric comorbidities in adult ADHD compared with non-ADHD populations: A systematic literature review. PLoS ONE. DOI: 10.1371/journal.pone.0277175.
- Njardvik U et al. (2025). Psychiatric comorbidity in children and adolescents with ADHD: A systematic review and meta-analysis. Clinical Psychology Review, 118, 102571. DOI: 10.1016/j.cpr.2025.102571.
- NICE. Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management. Guideline NG87, Empfehlungen zur Diagnostik und Behandlungsplanung. Abruf: 7. Oktober 2026.
- Beheshti A, Chavanon ML, Christiansen H (2020). Emotion dysregulation in adults with attention deficit hyperactivity disorder: a meta-analysis. BMC Psychiatry, 20, 120. DOI: 10.1186/s12888-020-2442-7.
- Surman CBH, Walsh DM (2021). Managing Sleep in Adults with ADHD: From Science to Pragmatic Approaches. Brain Sciences, 11, 1361. DOI: 10.3390/brainsci11101361.
- Fu X et al. (2025). Adult ADHD and comorbid anxiety and depressive disorders: a review of etiology and treatment. Frontiers in Psychiatry. DOI: 10.3389/fpsyt.2025.1597559.
- Young S et al. (2020). Guidance for identification and treatment of individuals with attention deficit/hyperactivity disorder and autism spectrum disorder based upon expert consensus. BMC Medicine, 18, 146. DOI: 10.1186/s12916-020-01585-y.
- Tsujii N et al. (2021). Efficacy and Safety of Medication for Attention-Deficit Hyperactivity Disorder in Children and Adolescents with Common Comorbidities: A Systematic Review. Neurology and Therapy, 10, 499–522. DOI: 10.1007/s40120-021-00249-0.



