Die Nachricht ist seit Tagen unbeantwortet. Die Wäsche auch noch da. Von außen sieht es vielleicht aus wie immer: wieder nicht angefangen, wieder etwas liegen geblieben. Innen kann es sich trotzdem grundlegend verändert haben. Früher war da noch der Wunsch, loszulegen. Jetzt scheint selbst das, worauf du dich sonst gefreut hast, weit weg.
Eine solche Veränderung gehört ins Behandlungsgespräch. ADHS und Depression können gleichzeitig vorliegen, und einige ihrer Beschwerden überschneiden sich. Konzentrationsprobleme oder Schwierigkeiten, aktiv zu werden, reichen deshalb für die Unterscheidung nicht aus. Eine systematische Übersicht zu Erwachsenen bestätigt, dass affektive Störungen in ADHS-Gruppen häufiger vorkommen als in Vergleichsgruppen. Wie hoch der Anteil ist, unterscheidet sich jedoch deutlich zwischen Studien.1
Gerade wenn ADHS bereits diagnostiziert wurde, ist es wichtig, neue Beschwerden nicht vorschnell unter „kenne ich schon“ abzulegen.
Dasselbe Wort kann verschiedene Erfahrungen beschreiben
„Ich habe keinen Antrieb“ kann heißen: Ich möchte etwas tun, finde aber keinen Anfang und verliere mich unterwegs. Es kann auch heißen: Nichts erscheint noch lohnend, selbst Dinge nicht, die mir sonst wichtig sind. Diese Beispiele sind keine diagnostische Trennlinie. Sie zeigen, weshalb man nachfragen muss, statt aus einem einzelnen Begriff auf seine Ursache zu schließen.
Bei einer Depression werden unter anderem gedrückte Stimmung, Interessen- und Freudverlust, Antrieb, Schlaf, Selbstwert und weitere Beschwerden zusammen mit ihrem Verlauf beurteilt. Die deutsche Nationale VersorgungsLeitlinie verlangt außerdem, andere Erklärungen und Begleiterkrankungen zu prüfen und Suizidalität ausdrücklich zu erfragen.2
Wichtig ist dabei das Muster über die Zeit. ADHS ist eine Entwicklungsstörung mit Beginn in der Kindheit. Eine depressive Episode kann zu einem späteren Zeitpunkt hinzukommen. Die diagnostische Aufgabe besteht deshalb auch darin, langjährige Schwierigkeiten von einer neuen oder deutlich verstärkten Belastung zu unterscheiden. Beides kann sich überlagern.3
Eine vereinfachte Selbsttestregel wie „Wenn ich mich zwischendurch freuen kann, ist es keine Depression“ ist dafür ungeeignet. Entscheidend ist die fachliche Beurteilung des gesamten Verlaufs, der Beschwerden und ihrer Auswirkungen.2
Die Erklärung „Das kommt alles von ADHS“ reicht nicht
Wiederholte Schwierigkeiten in Schule, Beruf oder Beziehungen können belasten. Es ist daher plausibel, dass solche Erfahrungen bei manchen Menschen zu depressiven Beschwerden beitragen. Eine aktuelle Übersicht diskutiert neben psychosozialen Belastungen auch gemeinsame biologische und genetische Faktoren. Es handelt sich allerdings um eine narrative Übersicht, nicht um einen Nachweis für eine einzige Ursache.3
Für den einzelnen Menschen lässt sich aus dem gemeinsamen Auftreten nicht ablesen, wie viel auf welche Ursache zurückgeht. Eine Depression ist auch dann behandlungsbedürftig, wenn ihre Entstehung im eigenen Leben nachvollziehbar erscheint. Eine gute Erklärung ist noch keine Behandlung.
Umgekehrt sollte bei einer Depression eine mögliche ADHS nicht automatisch aus dem Blick geraten. Wenn organisatorische und aufmerksamkeitsbezogene Schwierigkeiten schon lange vor depressiven Phasen bestanden, ist das eine wichtige Information für die Diagnostik. Es ist ein Anlass zum genaueren Hinschauen, keine nachträgliche Ferndiagnose.3
Was beim Termin wirklich weiterhilft
Eine kurze Beschreibung der Veränderung kann besonders nützlich sein: Seit wann geht es anders als sonst? Was macht keine Freude mehr? Wie haben sich Schlaf, Appetit oder Selbstbewertung verändert? Wie stark sind Arbeit, Versorgung und soziale Kontakte betroffen? Ein Fragebogen kann diese Bestandsaufnahme unterstützen. Er ersetzt das diagnostische Gespräch nicht.2
Du musst dafür nicht beweisen, dass dein Alltag vollständig zusammengebrochen ist. Es geht um Beschwerden und Belastung, nicht um eine möglichst überzeugende Darstellung nach außen. Ein konkreter Satz wie „Ich erledige meine Arbeit noch, aber seit drei Wochen interessiert mich außerhalb davon nichts mehr“ gibt mehr Anhaltspunkte als die Frage, ob du wohl „krank genug“ bist.
Auch bisherige Behandlungen gehören in diese Geschichte. Was hat sich unter einer ADHS-Behandlung verbessert, was blieb unverändert? Wann traten neue Beschwerden auf? Solche Informationen helfen, Behandlungseffekte und weiter bestehende Probleme auseinanderzuhalten.3
Zwei Erkrankungen brauchen einen abgestimmten Plan
Eine ADHS-Behandlung kann depressive Beschwerden mitbeeinflussen. Daraus folgt aber nicht, dass sie jede zusätzliche Depression ausreichend behandelt. Besonders bei schweren oder instabilen Beschwerden richtet sich die Behandlungsplanung nach Dringlichkeit und Beeinträchtigung. Die Übersicht von Fu und Kollegen beschreibt dieses Vorgehen; sie ersetzt keine individuelle Prüfung von Medikamenten und möglichen Wechselwirkungen.3
Für die Depression kommen je nach Schwere, Vorgeschichte und Präferenz psychotherapeutische und medikamentöse Behandlungen infrage. Die britische NICE-Leitlinie empfiehlt bei weniger schweren Depressionen Antidepressiva nicht routinemäßig als erste Maßnahme. Bei stärker ausgeprägten Depressionen gehört auch eine Kombination aus Psychotherapie und Antidepressivum zu den Behandlungsoptionen. Diese Empfehlungen beziehen sich auf Erwachsene mit Depression allgemein, nicht speziell auf die Kombination mit ADHS.4
Für ADHS-spezifische kognitive Verhaltenstherapie gibt es einen interessanten Befund: Eine Metaanalyse von 28 Studien fand neben Verbesserungen der ADHS-Symptome auch Rückgänge depressiver und ängstlicher Beschwerden. Das spricht dafür, emotionale Belastungen bei einer solchen Behandlung mitzubeobachten. Es belegt jedoch nicht, dass bei jeder teilnehmenden Person eine eigenständige Depression vorlag oder dass diese dadurch vollständig zurückging.5
Genau dieser Unterschied ist praktisch wichtig. Ein niedrigerer Wert auf einer Depressionsskala ist ein erfreuliches Ergebnis. Ob damit die depressive Erkrankung ausreichend behandelt ist, muss zusätzlich beurteilt werden. Der Kalender kann wieder funktionieren, während die Freude noch immer fehlt.
Hilfe darf vor dem nächsten regulären Termin beginnen
Bei neu auftretenden oder deutlich zunehmenden depressiven Beschwerden ist ein zeitnahes Gespräch mit einer ärztlichen oder psychotherapeutischen Praxis sinnvoll. Bestehen Suizidgedanken, sollten sie ausdrücklich angesprochen werden. Bei akuter Gefahr, dir etwas anzutun, wende dich in Deutschland sofort an den Notruf 112 oder an eine psychiatrische Notaufnahme. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe nennt diese Wege für akute Krisen.6
Für das Behandlungsgespräch darf die Ausgangsfrage schlicht sein: „Was ist hier anders als meine bisherigen ADHS-Schwierigkeiten?“ Du brauchst die Antwort nicht schon mitzubringen. Sie gemeinsam herauszuarbeiten, ist Teil der Behandlung.
Zum Überblick: ADHS und Begleiterkrankungen
Literatur
- Choi WS et al. (2022). The prevalence of psychiatric comorbidities in adult ADHD compared with non-ADHD populations: A systematic literature review. PLoS ONE. DOI: 10.1371/journal.pone.0277175.
- Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Version 3. Kapitel 2: Diagnostik und Monitoring. Abruf: 7. Oktober 2026.
- Fu X et al. (2025). Adult ADHD and comorbid anxiety and depressive disorders: a review of etiology and treatment. Frontiers in Psychiatry. DOI: 10.3389/fpsyt.2025.1597559.
- NICE. Depression in adults: treatment and management. Guideline NG222. Abruf: 7. Oktober 2026.
- Liu CI, Hua MH, Lu ML, Goh KK (2023). Effectiveness of cognitive behavioural-based interventions for adults with attention-deficit/hyperactivity disorder extends beyond core symptoms: A meta-analysis of randomized controlled trials. Psychology and Psychotherapy, 96, 543–559. DOI: 10.1111/papt.12455.
- Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention. Akute Suizidgefahr – schnelle Hilfe und Notfallkontakte. Abruf: 7. Oktober 2026.



