Du liest eine E-Mail zum dritten Mal. Nicht, weil sie besonders kompliziert wäre. Ein Satz darin lässt dich nicht los. War das eine Kritik? Habe ich etwas übersehen? Muss ich sofort antworten? Zehn Minuten später ist die Nachricht immer noch offen, aber im Kopf sind bereits mehrere ungünstige Zukunftsszenarien durchgespielt.
Von außen fällt vielleicht nur auf: Du bist unkonzentriert. Für die Behandlung macht es aber einen Unterschied, ob die Aufmerksamkeit durch Sorgen gebunden ist, ob ADHS-Symptome eine Rolle spielen oder ob beides zusammenkommt. Angststörungen werden bei Erwachsenen mit ADHS häufiger gefunden als in Vergleichsgruppen. Die Studien berichten allerdings stark unterschiedliche Häufigkeiten.1
Eine vorhandene ADHS-Diagnose beantwortet daher noch nicht die Frage, weshalb du gerade so angespannt bist.
Angst hat mehr als eine Form
Bei einer generalisierten Angststörung können anhaltende, schwer kontrollierbare Sorgen über verschiedene Lebensbereiche im Mittelpunkt stehen. Bei einer sozialen Angststörung geht es besonders um Situationen, in denen andere einen beobachten oder negativ beurteilen könnten. Die Abklärung und die Behandlung richten sich nach dem jeweiligen Störungsbild; „Angst“ allein ist dafür noch zu ungenau.2, 3
Auch hier gibt es Überschneidungen mit ADHS. Innere Unruhe und Konzentrationsprobleme sagen für sich genommen wenig über die Ursache. Für die Einordnung braucht es Verlauf, konkrete Auslöser und die Frage, wie stark die Beschwerden das Leben einschränken. Eine Übersicht zu ADHS mit Angst und Depression beschreibt gerade diese diagnostische Überlappung.4
Hilfreich kann sein, eine konkrete Situation auseinanderzunehmen: Was ging dir vor dem Termin durch den Kopf? Hast du ihn vergessen, immer wieder aufgeschoben oder aus Angst vor der Begegnung abgesagt? Die Antworten schließen sich nicht gegenseitig aus. Aber sie führen zu unterschiedlichen nächsten Fragen.
Wenn Kontrolle selbst anstrengend wird
Man kann sich einen Alltag vorstellen, in dem Erinnerungen an frühere Fehler zu immer mehr Absicherung führen: den Kalender prüfen, die Tasche prüfen, noch einmal prüfen, ob der richtige Tag ist. Nach außen wirkt das vielleicht gewissenhaft. Wie viel Anspannung dahintersteckt, sieht man einer pünktlichen Ankunft nicht an.
Solche Beispiele sind mögliche Erfahrungen, keine allgemeine Erklärung für Angst bei ADHS. Die Forschung diskutiert psychosoziale Belastungen ebenso wie gemeinsame biologische Faktoren. Dass beides häufig zusammen vorkommt, beweist nicht, dass die Angst immer durch ADHS entstanden ist. Ebenso wenig lässt sich daraus ableiten, dass eine erfolgreiche ADHS-Behandlung jede Angststörung beseitigen müsste.4
Bei Kindern und Jugendlichen fand eine Metaanalyse von 2025 über die eingeschlossenen Studien hinweg einen Anteil von 18,4 Prozent mit einer Angststörung. Insgesamt umfasste die Übersicht 121 Studien mit 39.894 jungen Menschen mit ADHS. Diese Zahl gehört zu dieser Altersgruppe und diesen Studien. Sie ist keine allgemeingültige Quote für Erwachsene.5
Entscheidend ist auch, was du wegen der Angst nicht mehr tust
Bei einer Abklärung zählt nicht nur, wie stark sich Angst in einem bestimmten Moment anfühlt. Wichtig ist auch, welche Folgen sie hat: Welche Situationen meidest du? Wie viel Zeit kosten Sorgen und Absicherung? Was klappt nur noch unter erheblicher Anspannung? Die NICE-Leitlinie zur generalisierten Angststörung fordert ausdrücklich, Belastung und Einschränkungen im Alltag mitzuerfassen.2
Daneben bleibt die ADHS-Geschichte relevant. Bestanden Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit und Selbstorganisation bereits in der Kindheit? Waren sie auch in weniger angstbelasteten Phasen vorhanden? In der gemeinsamen Betrachtung wird deutlicher, welche Probleme eine eigene Behandlung brauchen.4
Für das Gespräch kann es reichen, zwei oder drei Situationen zu notieren. Keine lückenlose Dokumentation, sondern Beispiele: Was war die Befürchtung, was hast du getan, was blieb liegen? Das ist konkreter als „Ich muss entspannter werden“ und lässt sich gemeinsam besser untersuchen.
Eine Angstbehandlung muss zur Angst passen
Für Erwachsene mit sozialer Angst empfiehlt NICE eine speziell darauf ausgerichtete individuelle kognitive Verhaltenstherapie. Bei ausgeprägter generalisierter Angst beziehungsweise unzureichendem Ansprechen auf niedrigschwellige Maßnahmen nennt die entsprechende Leitlinie intensivere psychotherapeutische Verfahren oder eine medikamentöse Behandlung. Welche Option passt, wird unter Berücksichtigung der Beschwerden und der Präferenzen entschieden. Diese Empfehlungen betreffen die jeweilige Angststörung allgemein, nicht ausschließlich Menschen mit ADHS.3, 2
Auch eine ADHS-spezifische kognitive Verhaltenstherapie kann mit weniger Angstsymptomen einhergehen. Eine Metaanalyse von 28 Studien fand entsprechende Verbesserungen neben einer Abnahme der ADHS-Symptome. Allerdings ist eine Veränderung auf einer Angstskala nicht automatisch der Nachweis, dass eine diagnostizierte Angststörung ausreichend behandelt wurde.6
Praktisch bedeutet das: Die Behandlung sollte beobachten, was tatsächlich leichter wird. Kannst du Aufgaben besser organisieren? Werden Sorgen weniger bestimmend? Nimmst du wieder an Situationen teil, die du zuvor gemieden hast? Diese Veränderungen gehören zusammen betrachtet, ohne sie in einen einzigen Erfolgswert zu pressen.
Sind Stimulanzien bei Angst grundsätzlich die falsche Wahl?
Nein. Die NICE-Leitlinie sieht für Menschen mit ADHS und einer Angststörung grundsätzlich dieselben medikamentösen Auswahlmöglichkeiten vor wie für andere Menschen mit ADHS. Eine Angstdiagnose allein ist somit kein pauschaler Ausschlussgrund für Stimulanzien.7
Das ist keine Garantie dafür, dass jedes Präparat für jede Person passt. Die Übersicht zur Kombination von ADHS und Angst beschreibt unterschiedliche Befunde und individuelle Verläufe. Die Wirkung auf ADHS-Symptome und die Entwicklung der Angst sollten deshalb getrennt verfolgt werden. Auch eine pauschale Überlegenheit eines bestimmten Nichtstimulans bei jeder Angststörung lässt sich daraus nicht ableiten.4
Für den Behandlungstermin ist die konkrete Beobachtung entscheidend: „Seit der Änderung kann ich mich besser konzentrieren, aber die Anspannung ist stärker“ enthält mehr Information als „Medikamente sind wohl nichts für mich“. Ebenso wichtig ist der umgekehrte Verlauf. Nur wenn beides zur Sprache kommt, lässt sich die Behandlung sinnvoll anpassen.
Du musst dafür nicht vorher entscheiden, welches Etikett auf jede einzelne Sorge gehört. Es reicht, die Angst als eigenes Thema ernst zu nehmen. Auch dann, wenn du im Alltag schon sehr gut darin geworden bist, sie zu verbergen.
Zum Überblick: ADHS und Begleiterkrankungen
Literatur
- Choi WS et al. (2022). The prevalence of psychiatric comorbidities in adult ADHD compared with non-ADHD populations: A systematic literature review. PLoS ONE. DOI: 10.1371/journal.pone.0277175.
- NICE. Generalised anxiety disorder and panic disorder in adults: management. Guideline CG113. Abruf: 7. Oktober 2026.
- NICE. Social anxiety disorder: recognition, assessment and treatment. Guideline CG159. Abruf: 7. Oktober 2026.
- Fu X et al. (2025). Adult ADHD and comorbid anxiety and depressive disorders: a review of etiology and treatment. Frontiers in Psychiatry. DOI: 10.3389/fpsyt.2025.1597559.
- Njardvik U et al. (2025). Psychiatric comorbidity in children and adolescents with ADHD: A systematic review and meta-analysis. Clinical Psychology Review, 118, 102571. DOI: 10.1016/j.cpr.2025.102571.
- Liu CI, Hua MH, Lu ML, Goh KK (2023). Effectiveness of cognitive behavioural-based interventions for adults with attention-deficit/hyperactivity disorder extends beyond core symptoms: A meta-analysis of randomized controlled trials. Psychology and Psychotherapy, 96, 543–559. DOI: 10.1111/papt.12455.
- NICE. Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management. Guideline NG87, Empfehlung 1.7.18. Abruf: 7. Oktober 2026.



