Mann liegt nachts mit offenen Augen im Bett, neben ihm leuchtet eine Nachttischlampe.

ADHS und Schlafstörungen: Müde sein ist leider kein Einschaltknopf fürs Schlafen

Den ganzen Nachmittag hättest du im Sitzen einschlafen können. Jetzt ist es halb eins, morgen musst du früh raus, und ausgerechnet jetzt fällt dir ein, wie sich das Problem von heute lösen ließe. Der Körper möchte Feierabend. Im Kopf beginnt eine Besprechung, zu der niemand eingeladen hat.

So kann eine schwierige Nacht aussehen. Sie erklärt aber noch nicht, welches Schlafproblem dahintersteckt. Bei ADHS lohnt sich diese Unterscheidung besonders: Schlafprobleme können mit dem Alltag und der Behandlung zusammenhängen, zugleich können eigenständige Schlafstörungen vorliegen. Eine Übersicht zu Erwachsenen empfiehlt deshalb, Schlaf bei der ADHS-Abklärung systematisch mitzuerfassen.1

„Geh einfach früher ins Bett“ ist als Antwort ungefähr so präzise wie „Fahr einfach los“, wenn das Auto nicht anspringt. Es wäre schon hilfreich zu wissen, woran es liegt.

Spät schlafen und schlecht schlafen sind verschiedene Probleme

Wer spät müde wird, schläft nicht zwangsläufig schlecht. Bei einer verschobenen inneren Uhr können Einschlafen und Aufwachen deutlich später liegen, als Schule oder Beruf es erlauben. Ein Hinweis kann sein, dass Schlaf zu frei gewählten Zeiten wesentlich besser gelingt. Das allein stellt allerdings noch keine Diagnose einer verzögerten Schlaf-Wach-Phase.1

Bei einer Insomnie stehen anhaltende Ein- oder Durchschlafprobleme beziehungsweise zu frühes Erwachen im Vordergrund, verbunden mit Belastungen am Tag. Für die Einordnung sind unter anderem Schlafgelegenheit, Verlauf und Folgen wichtig. Ein Schlafprotokoll kann helfen, statt ausgerechnet nach der schlimmsten Nacht über sämtliche Nächte urteilen zu müssen.2

Manchmal ist außerdem schlicht zu wenig Zeit zum Schlafen übrig. Zwischen „Ich könnte jetzt ins Bett gehen“ und dem tatsächlichen Zubettgehen passen erstaunlich viele kleine Vorhaben. In der ADHS-spezifischen Schlafübersicht werden deshalb auch Alltagsorganisation und umsetzbare Routinen als Teil der Behandlungsplanung besprochen. Das bedeutet nicht, dass sich jede Schlafstörung durch bessere Planung erledigt.1

Nicht jede Nacht ist ein ADHS-Thema

Ausgeprägtes Schnarchen mit beobachteten Atempausen, unangenehmer Bewegungsdrang in den Beinen oder ungewöhnlich starke Schläfrigkeit am Tag sollten im ärztlichen Gespräch ausdrücklich vorkommen. Solche Hinweise können Anlass geben, andere Schlafstörungen gezielt zu prüfen. Welche Untersuchungen sinnvoll sind, hängt vom Verdacht ab; die ADHS-Diagnose beantwortet diese Frage nicht.1

Auch der zeitliche Zusammenhang zählt. Bestand das Problem lange vor einer Medikation? Trat es nach einer Änderung auf? Ist es jeden Abend ähnlich oder nur während besonders belastender Phasen? Zur Abklärung gehören deshalb auch Medikamente, andere Substanzen, körperliche Beschwerden und psychische Begleiterkrankungen.1

Ein brauchbares Protokoll muss keine zweite Erwerbstätigkeit werden. Es kann reichen, zunächst Bettzeit, geschätztes Einschlafen, Aufstehen und Müdigkeit am nächsten Tag festzuhalten und das Vorgehen mit der behandelnden Praxis abzustimmen. Besonders interessant sind Unterschiede zwischen Arbeits- und freien Tagen. Die Aufzeichnung dient dazu, Muster sichtbar zu machen; sie ist keine Prüfung, bei der man gute Schlafnoten sammeln muss.

Was die Forschung bei Erwachsenen tatsächlich hergibt

Die Übersicht von Surman und Walsh aus dem Jahr 2021 fand sechs prospektive Interventionsstudien zum Schlaf bei Erwachsenen mit ADHS. Drei untersuchten morgendliche Lichttherapie; insgesamt waren daran 96 Erwachsene beteiligt. Es gab Hinweise auf eine Verschiebung des Schlafrhythmus und Verbesserungen weiterer untersuchter Beschwerden. Für andere Ansätze, darunter Melatonin und verhaltensorientierte Verfahren, war die ADHS-spezifische Studienbasis ebenfalls begrenzt.1

Das ist ein Ausgangspunkt, keine Universallösung. Kleine Studien können zeigen, dass sich eine Behandlung weiter zu untersuchen lohnt. Sie beantworten noch nicht zuverlässig, für wen sie langfristig am besten funktioniert. Und eine Übersicht von 2021 ist kein vollständiger Überblick über jede später erschienene Studie.

Für chronische Insomnie ist die allgemeine Evidenz breiter. Die europäische Insomnieleitlinie von 2023 empfiehlt die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie, kurz KVT-I, als erste Behandlung bei Erwachsenen, auch bei Begleiterkrankungen. Sie kann persönlich oder digital angeboten werden. Gemeint ist eine spezifische Schlaftherapie, nicht lediglich eine Liste gut gemeinter Abendregeln.2

Für Menschen mit ADHS bleibt dann eine praktische Frage: Wie wird diese Behandlung so organisiert, dass sie sich tatsächlich durchführen lässt? Erinnerungen, schriftliche Vereinbarungen und überschaubare Schritte können Teil einer angepassten Umsetzung sein. Die Schlafübersicht beschreibt gerade solche Hürden bei der Übertragung von Behandlungsempfehlungen in den Alltag.1

Bei Kindern gibt es Daten für konkrete Schlafinterventionen

Eine systematische Übersicht von Malkani und Kollegen schloss elf Veröffentlichungen zu verhaltensorientierten Schlafinterventionen bei insgesamt 562 Kindern im Alter von fünf bis 14 Jahren ein. Im zusammengefassten Vergleich randomisierter Studien verbesserten sich Schlafmaße in den Interventionsgruppen stärker als in den Kontrollgruppen. Die Studien unterschieden sich allerdings deutlich, und objektive Schlafmessungen wurden nur begrenzt eingesetzt.3

Anschaulich wird das in einer randomisierten Studie von Hiscock und Kollegen. 244 Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren mit ADHS und Schlafproblemen nahmen teil. Die Familien erhielten entweder die übliche Versorgung oder zusätzlich eine kurze, auf die jeweiligen Schlafprobleme abgestimmte Verhaltensintervention. Nach drei Monaten berichteten die Eltern in der Interventionsgruppe seltener mittelschwere bis schwere Schlafprobleme. Auch die von Eltern bewerteten ADHS-Symptome gingen etwas stärker zurück.4

Die Grenzen gehören dazu: Die Eltern wussten, welcher Gruppe sie zugeteilt waren. Ihre Erwartungen könnten die Bewertungen beeinflusst haben. Schlafmessungen mit einem Bewegungsmessgerät lagen nur für eine kleine Teilgruppe vor und zeigten keinen eindeutig abgesicherten Unterschied in der Schlafdauer. Die Studie belegt daher weder, dass mehr Schlaf allein die Verbesserung erklärte, noch dass eine Schlafbehandlung ADHS heilt.4

Für Familien ist trotzdem etwas gewonnen: Schlafprobleme können ein eigenes, behandelbares Ziel sein. Man muss sie nicht als unvermeidlichen Bestandteil von ADHS hinnehmen.

Und die Medikamente?

Die Frage ist berechtigt, lässt sich aber nicht pauschal beantworten. Bei der Schlafbeurteilung spielen Präparat, Einnahmezeit, Wirkdauer und individuelle Reaktion eine Rolle. Gleichzeitig können Schlafprobleme schon ohne Medikation bestehen. Die Erwachsenenübersicht beschreibt deshalb eine sorgfältige gemeinsame Betrachtung von ADHS-Behandlung und Schlaf, statt Medikamente automatisch für jede schlechte Nacht verantwortlich zu machen.1

Auch Melatonin ist keine passende Antwort auf jede Form von schlechtem Schlaf. Gerade bei einer verschobenen Schlafphase ist der Zeitpunkt der Anwendung Teil des Behandlungskonzepts. Aus den begrenzten ADHS-spezifischen Studien lässt sich keine allgemeine Empfehlung zur eigenständigen Einnahme oder Dosierung ableiten.1

Für den nächsten Termin ist deshalb eine konkrete Beschreibung hilfreicher als „Ich brauche etwas zum Schlafen“: Wann werde ich müde? Wann schlafe ich tatsächlich? Was passiert an freien Tagen? Und was hat sich unter der bisherigen Behandlung verändert? Daraus kann eine gezielte Abklärung werden. Aus dem bloßen Vorsatz, heute endlich vernünftig zu schlafen, meistens nicht.

Zum Überblick: ADHS und Begleiterkrankungen

Literatur

  1. Surman CBH, Walsh DM (2021). Managing Sleep in Adults with ADHD: From Science to Pragmatic Approaches. Brain Sciences, 11, 1361. DOI: 10.3390/brainsci11101361.
  2. Riemann D et al. (2023). The European Insomnia Guideline: An update on the diagnosis and treatment of insomnia 2023. Journal of Sleep Research, 32, e14035. DOI: 10.1111/jsr.14035.
  3. Malkani MK et al. (2022). Behavioral Sleep Interventions for Children With ADHD: A Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of Attention Disorders, 26, 1805–1821. DOI: 10.1177/10870547221106239.
  4. Hiscock H et al. (2015). Impact of a behavioural sleep intervention on symptoms and sleep in children with attention deficit hyperactivity disorder, and parental mental health: randomised controlled trial. BMJ, 350, h68. DOI: 10.1136/bmj.h68.
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