Ein knapper Satz, ein anderer Tonfall, eine Planänderung. Eben war der Nachmittag noch in Ordnung. Jetzt ist der Ärger schon da, die Antwort fast abgeschickt, und der Teil von dir, der etwas ruhiger reagieren wollte, kommt offenbar später dazu.
Solche Situationen können bei ADHS vorkommen. Schwierigkeiten im Umgang mit starken Gefühlen werden unter dem Begriff emotionale Dysregulation untersucht. Studien an Erwachsenen zeigen, dass entsprechende Beschwerden in ADHS-Gruppen deutlich stärker ausgeprägt sein können als bei gesunden Vergleichspersonen. Sie gehören deshalb ins Behandlungsgespräch.1
Dabei ist wichtig, zwei Fragen auseinanderzuhalten: Wie lässt sich die Reaktion verstehen? Und wie kann man mit ihr so umgehen, dass weniger Schaden entsteht? Eine Erklärung nimmt die Belastung ernst. Sie macht verletzendes Verhalten nicht folgenlos.
Gemeint ist mehr als „sehr emotional“
Emotionale Regulation umfasst den Umgang mit Gefühlen: wie sie erkannt werden, wie sich ihre Intensität beeinflussen lässt und wie man trotz eines starken Gefühls handeln kann. In der ADHS-Forschung werden unter anderem rasche emotionale Wechsel, geringe Frustrationstoleranz und intensive negative Reaktionen untersucht. Allerdings verwenden Studien dafür nicht immer dieselben Begriffe und Messverfahren.1
Das ist im Alltag leicht zu übersehen. Zwei Menschen können beide sagen, dass sie ihre Gefühle schlecht regulieren, und sehr unterschiedliche Probleme meinen. Bei einer Person schießt der Ärger schnell hoch. Eine andere grübelt lange weiter. Wieder eine andere erkennt erst hinterher, wie angespannt sie war. Für eine Behandlung ist diese Genauigkeit hilfreicher als das pauschale Urteil, jemand sei „zu empfindlich“.
Auch die Forschung behandelt emotionale Dysregulation als ein Konzept, das über einzelne Diagnosen hinausgeht. Es kann bei verschiedenen psychischen Störungen vorkommen. Eine starke Gefühlsreaktion allein ist deshalb kein Beweis für ADHS und keine ausreichende Grundlage für eine zusätzliche Diagnose.1
Ein deutlicher Forschungsbefund, aber keine Prozentzahl
Beheshti und Kollegen fassten 2020 insgesamt 13 Studien mit 2.535 Teilnehmenden zusammen. Erwachsene mit ADHS zeigten im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen deutlich höhere Werte für emotionale Dysregulation. Die zusammengefasste Effektstärke betrug Hedges’ g = 1,17. Außerdem hing eine stärkere ADHS-Symptomatik mit stärkerer emotionaler Dysregulation zusammen.1
Was bedeutet das? Die untersuchten Gruppen unterschieden sich deutlich. Es bedeutet nicht, dass 117 Prozent der Menschen mit ADHS betroffen wären. Eine Effektstärke beschreibt einen standardisierten Gruppenunterschied, keinen Anteil und keine individuelle Wahrscheinlichkeit.
Ebenso wichtig: Der Vergleich erfolgte mit gesunden Kontrollgruppen. Daraus lässt sich nicht ablesen, wie zuverlässig emotionale Dysregulation ADHS von anderen psychischen Störungen unterscheidet. Die Autoren konnten wegen unzureichender Angaben in den eingeschlossenen Studien außerdem nicht ausreichend prüfen, welchen Einfluss verschiedene zusätzliche Merkmale auf die Ergebnisse hatten.1
Eine weitere systematische Übersicht von 2023 schloss 22 Studien ein. Sie bestätigte die klinische Bedeutung emotionaler Schwierigkeiten bei Erwachsenen mit ADHS, beschrieb aber zugleich wenige und sehr unterschiedliche Untersuchungen. Ziele, Stichproben und Messmethoden passten nicht ohne Weiteres zusammen.2
Die angemessene Schlussfolgerung ist daher: Das Thema ist wissenschaftlich relevant und sollte nicht übergangen werden. Die Forschung liefert aber noch kein einheitliches Bild, das jede einzelne Erfahrung erklärt.
Ist das eine zusätzliche Erkrankung?
Nicht automatisch. Der Begriff beschreibt zunächst Schwierigkeiten der Gefühlsregulation. In der Forschung wird diskutiert, wie zentral diese für ADHS sind. Auch wenn eine Studie im Titel von einem Kernsymptom spricht, wird daraus noch kein neues verbindliches Diagnosekriterium. Die systematischen Übersichten unterscheiden zwischen der klinischen Bedeutung und der Einordnung in die diagnostischen Kriterien.1, 2
Für die Abklärung bleibt deshalb offen, ob die emotionalen Beschwerden mit ADHS zusammenhängen, durch eine Begleiterkrankung mitbedingt sind oder weitere Erklärungen brauchen. Gerade weil ähnliche Probleme bei verschiedenen Störungen vorkommen, genügt ein einzelner Wutausbruch oder ein schneller Stimmungswechsel nicht zur Unterscheidung.1
Hilfreicher ist eine Beschreibung des Verlaufs: Was passiert vorher? Wie schnell steigt das Gefühl an? Wie lange bleibt es? Was tust du in dieser Zeit? Gibt es zusätzlich länger anhaltende Veränderungen von Stimmung, Schlaf oder Antrieb? Solche Informationen machen aus „Ich bin eben so“ ein Problem, das sich genauer untersuchen lässt.
Was lässt sich behandeln?
Die Übersicht von 2023 beschreibt Hinweise darauf, dass sowohl medikamentöse als auch psychotherapeutische Behandlungen emotionale Schwierigkeiten bei Erwachsenen mit ADHS verbessern können. Die zugrunde liegenden Studien sind jedoch begrenzt und heterogen. Daraus lässt sich weder ein sicheres Ansprechen für jede Person noch eine allgemeine Rangfolge der Behandlungen ableiten.2
Auch die Ziele verdienen Genauigkeit. Weniger rasch auf Ärger zu reagieren ist etwas anderes, als nach einem Streit schneller zur Ruhe zu kommen. Und beides unterscheidet sich davon, eine zusätzliche Depression zu behandeln. Wer nur fragt, ob es „mit den Gefühlen besser“ sei, kann wichtige Veränderungen übersehen.
In einer Therapie lässt sich beispielsweise an einer konkreten Szene arbeiten: Eine Nachricht kommt an, eine bestimmte Bedeutung wird ihr zugeschrieben, die Anspannung steigt, die Antwort folgt. An welchem Punkt wäre etwas anderes möglich gewesen? Wie ließe sich dieser Punkt früher bemerken? Ein solcher Ablauf ist ein Ansatz für die gemeinsame Arbeit, keine Zusage, dass sich jede Reaktion mit einem einzelnen Trick stoppen lässt.
Die Übersichtsarbeit beschreibt außerdem, dass Erwachsene mit ADHS in den untersuchten Studien häufiger ungünstige Regulationsstrategien nutzten. Gerade deshalb ist es sinnvoll, konkrete Vorgehensweisen zu erarbeiten und ihre Wirkung zu beobachten, statt sich mit dem Vorsatz „Beim nächsten Mal bleibe ich ruhig“ zu begnügen.2
Eine Pause ist eine Vereinbarung, kein Verschwinden
Als praktisches Beispiel für ein Therapieziel kann eine vereinbarte Unterbrechung dienen: Woran merken beide Beteiligten, dass ein Gespräch gerade eskaliert? Wie wird eine Pause angekündigt? Wann wird das Thema wieder aufgenommen? Das sind Vorschläge für eine individuelle Absprache, keine speziell für ADHS nachgewiesene Standardbehandlung.
Auch nach einer heftigen Reaktion bleibt etwas zu tun. Was wurde gesagt oder getan? Was braucht eine Entschuldigung, was eine veränderte Vereinbarung? Verständnis für die eigenen Schwierigkeiten und Verantwortung für ihre Folgen können nebeneinanderstehen.
Die Forschung gibt Anlass, emotionale Probleme bei ADHS ernst zu nehmen. Für den Alltag beginnt die nächste hilfreiche Frage oft kleiner: Welche konkrete Situation soll beim nächsten Mal anders verlaufen? Daran lässt sich arbeiten, ohne von dir zu verlangen, künftig keine starken Gefühle mehr zu haben.
Zum Überblick: ADHS und Begleiterkrankungen
Literatur
- Beheshti A, Chavanon ML, Christiansen H (2020). Emotion dysregulation in adults with attention deficit hyperactivity disorder: a meta-analysis. BMC Psychiatry, 20, 120. DOI: 10.1186/s12888-020-2442-7.
- Soler-Gutiérrez AM, Pérez-González JC, Mayas J (2023). Evidence of emotion dysregulation as a core symptom of adult ADHD: A systematic review. PLoS ONE, 18, e0280131. DOI: 10.1371/journal.pone.0280131.



