Frau mit Kopfhörern zeichnet an einem hellen Schreibtisch am Fenster.

ADHS und Autismus: Wenn beides zusammenkommt

Der Tag ist sorgfältig geplant. Das gibt Sicherheit. Dann fällt dir unterwegs etwas ein, du verfolgst den Gedanken, verlierst die Zeit, und plötzlich ist genau der Ablauf durcheinander, den du eigentlich gebraucht hättest. Das kann sich widersprüchlich anfühlen. Es ist aber noch kein diagnostischer Beweis für irgendetwas.

ADHS und Autismus können gleichzeitig vorliegen. Seit dem DSM-5 von 2013 wird diese Kombination auch innerhalb dieses diagnostischen Systems ausdrücklich zugelassen. Ein international veröffentlichtes Expertenkonsenspapier beschreibt, weshalb die gemeinsame Erkennung und Behandlung anspruchsvoll sein kann: Merkmale überschneiden sich, können sich gegenseitig verdecken und müssen im Zusammenhang mit der Entwicklung beurteilt werden.1

Für Betroffene ist daran vor allem eines wichtig: Eine vorhandene Diagnose schließt die andere nicht automatisch aus.

Ein Gegensatzpaar erklärt keinen Menschen

ADHS gleich Chaos, Autismus gleich Ordnung: Das klingt einprägsam. Für eine Diagnostik reicht es nicht. Beide Störungsbilder sind vielfältig, und die Probleme eines Menschen lassen sich nicht aus zwei Schlagwörtern zusammensetzen.

Bei ADHS stehen anhaltende Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität und Impulsivität im Zentrum. Bei Autismus werden unter anderem Besonderheiten der sozialen Kommunikation und Interaktion sowie eingeschränkte oder repetitive Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten betrachtet; auch sensorische Besonderheiten können dazugehören. Entscheidend ist jeweils das Gesamtbild, einschließlich Entwicklungsverlauf und Auswirkungen im Alltag.1

Eine einzelne Beobachtung kann unterschiedliche Erklärungen haben. Jemand unterbricht ein Gespräch. War der Impuls schneller als die Möglichkeit, ihn zu bremsen? War unklar, wann der eigene Gesprächsbeitrag passend ist? Oder war die Situation aus einem ganz anderen Grund schwierig? Solche Fragen lassen sich nicht zuverlässig durch das bloße Zählen äußerlich ähnlicher Verhaltensweisen beantworten.

Der Expertenkonsens fordert deshalb, überlappende Symptome sorgfältig einzuordnen. Dasselbe Verhalten darf nicht unbesehen als ausreichender Beleg für beide Diagnosen dienen. Zugleich soll eine bereits bekannte Diagnose nicht verhindern, weitere Schwierigkeiten zu erkennen.1

Die Geschichte beginnt nicht beim letzten Onlinefragebogen

Eine gründliche Abklärung schaut auf die Entwicklung und auf verschiedene Lebensbereiche. Was war schon früh auffällig? Welche Situationen waren schwierig, welche gingen gut? Welche Unterstützung war vorhanden? Wie unterscheiden sich Zuhause, Schule, Arbeit und soziale Kontakte? Selbstberichte, Gespräche mit Bezugspersonen, frühere Unterlagen und geeignete diagnostische Verfahren können unterschiedliche Teile des Bildes beitragen.1

Ein Screeningfragebogen kann Hinweise liefern. Er kann aber nicht allein klären, ob seine erhöhten Werte durch ADHS, Autismus, andere Beschwerden oder eine Kombination zustande kommen. Das Konsenspapier betont entsprechend, Skalen als Hilfsmittel und nicht als alleinige diagnostische Grundlage zu verwenden.1

Hinzu kommt, dass Verhalten nicht in jeder Umgebung gleich sichtbar wird. Unterstützung und erlernte Kompensationsstrategien können Schwierigkeiten verdecken. Der Fachbegriff „Camouflaging“ beschreibt in diesem Zusammenhang Formen des Verbergens oder Ausgleichens autistischer Merkmale. Der Konsens weist darauf hin, dass dies die Erkennung erschweren kann. Daraus lässt sich allerdings keine Diagnose allein aufgrund von Erschöpfung nach sozialen Situationen ableiten.1

Eine diagnostisch hilfreiche Frage kann deshalb lauten: Was ist nötig, damit etwas nach außen gut funktioniert? Eine erfolgreich absolvierte Besprechung und der dafür erforderliche Aufwand sind zwei verschiedene Informationen.

Wie häufig ist die Kombination?

Eine einzelne Prozentzahl wäre bequem. Sie müsste aber zunächst beantworten, auf welche Gruppe sie sich bezieht: auf Kinder oder Erwachsene, auf eine Spezialambulanz oder auf eine breiter untersuchte Bevölkerung? Und wird nach ADHS bei autistischen Menschen gefragt oder nach Autismus bei Menschen mit ADHS? Das ist nicht dieselbe Rechnung.

Das Konsenspapier fasst Studien zusammen, die ein relevantes gemeinsames Auftreten beschreiben. Für diesen Artikel wird daraus bewusst keine allgemeine Quote abgeleitet. Unterschiedliche Diagnoseverfahren, Altersgruppen und Auswahlbedingungen machen solche Zahlen erklärungsbedürftig.1

Im Einzelfall entscheidet ohnehin nicht die Häufigkeit in einer Studie. Entscheidend ist, ob die Kriterien beider Diagnosen erfüllt sind und ob diese Einordnung die vorhandenen Schwierigkeiten besser erklärt.

Unterstützung muss konkret werden

Wenn beide Diagnosen vorliegen, geht es nicht darum, zwei Standardprogramme unverändert übereinanderzulegen. Der Expertenkonsens empfiehlt, Unterstützung an den individuellen Kommunikations-, Lern- und Alltagsbedürfnissen auszurichten. Dazu können klare schriftliche Informationen, passende Umgebungsbedingungen, angepasste psychotherapeutische Verfahren und Absprachen zwischen beteiligten Stellen gehören.1

Ein Beispiel: „Nutze einen Kalender“ ist erst der Anfang einer Idee. Verständlich wird sie durch Fragen wie: Wo steht der Kalender? Wie kommt der Termin hinein? Wie wirst du daran erinnert? Was passiert bei einer kurzfristigen Änderung? Die Antworten können sehr unterschiedlich ausfallen. Ein ausgeklügeltes System hilft wenig, wenn seine tägliche Pflege mehr Organisation verlangt, als es anschließend abnimmt.

Ähnlich ist es mit der Umgebung. Wenn Geräusche oder soziale Anforderungen belasten, sollte die Unterstützung diese Bedingungen berücksichtigen. Bei einem Kind können dafür Absprachen mit Schule und Eltern wichtig sein, bei Erwachsenen Anpassungen in Ausbildung oder Beruf. Das Konsenspapier beschreibt solche Maßnahmen als Teil einer umfassenden Versorgung. Es ist dabei ein Expertenkonsens, kein experimenteller Nachweis dafür, dass jede einzelne Anpassung bei jedem Menschen wirkt.1

Diese Unterscheidung macht die Empfehlungen nicht wertlos. Sie macht sichtbar, worauf sie beruhen und weshalb ihre Wirkung im Alltag überprüft werden sollte.

Was Medikamente leisten können

Eine medikamentöse ADHS-Behandlung kann auch bei gleichzeitigem Autismus infrage kommen. Die NICE-Leitlinie sieht grundsätzlich dieselben medikamentösen Auswahlmöglichkeiten vor wie bei anderen Menschen mit ADHS. Die Diagnose Autismus ist also für sich genommen kein Grund, eine ADHS-Behandlung auszuschließen.2

Das Behandlungsziel muss trotzdem klar bleiben: Es geht um die betreffenden ADHS-Symptome und Beeinträchtigungen. Aus einer Verbesserung der Aufmerksamkeit folgt nicht, dass sämtliche autistischen Unterstützungsbedürfnisse verschwinden. Der Konsens empfiehlt eine sorgfältige individuelle Einstellung und Beobachtung von Wirkung und Verträglichkeit.1

Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist die vergleichende Evidenz für Medikamente bei verschiedenen Begleiterkrankungen begrenzt. Eine systematische Übersicht von Tsujii und Kollegen benennt entsprechende Forschungslücken. Eine feste Regel, welches Präparat bei dieser Kombination immer überlegen sei, lässt sich daraus nicht ableiten.3

Eine hilfreiche Diagnose führt damit zu genaueren Fragen: Was überfordert dich? Was erleichtert den Alltag? Welche Unterstützung fehlt? Die Antwort sollte konkreter werden als „Das ist eben die Kombination“. Mit einem Namen für die Schwierigkeiten ist die Arbeit nicht beendet. Sie kann dadurch endlich gezielter anfangen.

Zum Überblick: ADHS und Begleiterkrankungen

Literatur

  1. Young S et al. (2020). Guidance for identification and treatment of individuals with attention deficit/hyperactivity disorder and autism spectrum disorder based upon expert consensus. BMC Medicine, 18, 146. DOI: 10.1186/s12916-020-01585-y.
  2. NICE. Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management. Guideline NG87, Empfehlung 1.7.18. Abruf: 7. Oktober 2026.
  3. Tsujii N et al. (2021). Efficacy and Safety of Medication for Attention-Deficit Hyperactivity Disorder in Children and Adolescents with Common Comorbidities: A Systematic Review. Neurology and Therapy, 10, 499–522. DOI: 10.1007/s40120-021-00249-0.
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