ADHS bei Frauen: Warum die Diagnose oft so spät kommt

Lange galt ADHS als Störung von Jungen, die im Unterricht nicht stillsitzen können. Inzwischen weiß man, dass auch viele Mädchen und Frauen betroffen sind und dass die Diagnose bei ihnen häufig später gestellt wird, nicht selten erst im Erwachsenenalter.

Woran das liegt, ist weniger klar, als populäre Darstellungen manchmal nahelegen. Die Forschung der letzten Jahre spricht eher gegen die Vorstellung, Frauen hätten grundsätzlich eine völlig andere Form von ADHS. Sie spricht dafür, dass viel davon abhängt, wer auffällt, wer überwiesen wird und wie gemessen wird.

Frauen werden im Schnitt später diagnostiziert

Eine der bislang größten Auswertungen zu dieser Frage stammt aus Wales. Ein Forschungsteam der Universität Cardiff hat die Gesundheitsakten von 16.458 Kindern und jungen Erwachsenen mit ADHS-Diagnose ausgewertet, erfasst über zwanzig Jahre bis 2019.¹

Mädchen und junge Frauen erhielten ihre Diagnose im Durchschnitt mit 12,6 Jahren, Jungen und junge Männer mit 10,9. Noch deutlicher wird der Unterschied bei den späten Diagnosen. Fast die Hälfte der Mädchen wurde erst nach dem 12. Geburtstag diagnostiziert, bei den Jungen war es rund ein Drittel. Nach dem 18. Geburtstag erhielten doppelt so viele junge Frauen wie junge Männer ihre Diagnose, 17 gegenüber 8 Prozent.¹

Bei den Erwachsenen verschiebt sich auch das Zahlenverhältnis. Unter allen Diagnostizierten kamen fast vier Jungen und Männer auf ein Mädchen oder eine Frau. Bei Diagnosen im Erwachsenenalter waren es weniger als zwei.¹

Mädchen bekamen zudem seltener Stimulanzien verschrieben. Die Zeit zwischen Diagnose und erster Verordnung war bei beiden Geschlechtern aber gleich lang, im Schnitt gut ein Jahr.¹ Der Unterschied entsteht also vor allem dabei, ob und wann ADHS erkannt wird.

Aufschlussreich ist, was vor der ADHS-Diagnose in den Akten stand. Bei Mädchen und jungen Frauen war deutlich häufiger schon eine Depression, eine Angststörung oder eine andere psychische Erkrankung erfasst worden. Sie hatten auch öfter bereits Antidepressiva verschrieben bekommen. Nach der ADHS-Diagnose setzten sie diese Medikamente häufiger wieder ab als Jungen und Männer.¹

Das Forschungsteam sieht darin einen Hinweis, dass ADHS bei Mädchen teilweise von anderen Beschwerden überdeckt wird und bei manchen zunächst eine andere Diagnose gestellt wurde.

Man muss das nicht als Fehldiagnose im engeren Sinn verstehen. Depressionen und Ängste können gemeinsam mit ADHS auftreten. Die Reihenfolge in den Akten lässt sich damit allein aber offenbar nicht erklären. Das Muster zeigte sich auch bei denen, die erst als Erwachsene diagnostiziert wurden.¹

Ein ähnliches Bild zeigt eine spanische Studie mit 900 Erwachsenen aus einer Spezialambulanz in Barcelona, in der die Altersspanne weiter reicht. Dort erhielten Frauen ihre Diagnose im Schnitt mit knapp 29 Jahren, Männer mit gut 24. Beim berichteten Alter, in dem die ADHS-Symptome erstmals zu relevanten Beeinträchtigungen führten, gab es dagegen keinen statistisch signifikanten Unterschied.²

Die Frauen berichteten über mehr depressive Beschwerden und Ängste und fühlten sich im Alltag stärker eingeschränkt. Männer konsumierten häufiger Alkohol, Tabak und Cannabis und hatten öfter Probleme mit der Justiz. Ob die spätere Diagnose die höhere Belastung erklärt, lässt sich aus dieser Momentaufnahme allerdings nicht ableiten.

Beide Studien erfassen nur Menschen, die überhaupt eine Diagnose bekommen haben. Die Autorinnen und Autoren der Wales-Studie vermuten, dass gerade Mädchen ohne zusätzliche psychische Probleme besonders leicht übersehen werden und deshalb in keiner Akte auftauchen.¹

Unterscheiden sich die Symptome wirklich?

Oft liest man, Frauen hätten vor allem die unaufmerksame Form, Männer die hyperaktiv-impulsive. Die Datenlage ist deutlich uneinheitlicher.

Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2024 hat 52 Studien mit rund 18.400 Menschen mit ADHS ausgewertet. Dabei wurden zwei Arten von Daten getrennt betrachtet: Fragebögen, die überwiegend aus Bevölkerungs- und Community-Stichproben stammten, und strukturierte klinische Interviews, die häufiger in klinischen Zusammenhängen eingesetzt wurden.³

In den Fragebögen zeigten Jungen stärkere hyperaktive und impulsive Symptome als Mädchen. Bei Erwachsenen sah es anders aus. Hier wurden Männer als etwas unaufmerksamer eingeschätzt als Frauen, bei Hyperaktivität und Impulsivität gab es keinen Unterschied. Dieser Befund beruht allerdings auf nur vier Studien.

In den klinischen Interviews fand sich überhaupt kein signifikanter Unterschied zwischen den Geschlechtern, weder bei Kindern noch bei Erwachsenen. Wo Unterschiede auftraten, waren sie klein.³

Die spanische Ambulanzstudie passt dazu. Frauen und Männer hatten dort gleich häufig den kombinierten Typ, jeweils knapp die Hälfte der Stichprobe.²

Die Autorinnen und Autoren der Meta-Analyse interpretieren das so, dass die lange beschriebenen Unterschiede möglicherweise weniger in der Biologie der Betroffenen als in unterschiedlichen Erwartungen und Bewertungen ihres Umfelds liegen.³

Sie verweisen auf Studien, in denen Lehrkräfte oder Eltern identische Fallbeschreibungen erhielten, die sich nur im Namen oder Geschlecht des beschriebenen Kindes unterschieden. Fälle mit Jungennamen wurden häufiger zur weiteren Abklärung empfohlen. Auch Eltern schätzen hyperaktive und impulsive Symptome bei Jungen offenbar eher höher ein und bei Mädchen eher niedriger.³

Ein verträumtes Mädchen, das im Unterricht niemanden stört, fällt schlicht seltener auf, auch wenn es selbst erheblich zu kämpfen hat.

Kompensation und „Masking“

Viele spät diagnostizierte Frauen berichten, dass sie über Jahre Strategien entwickelt haben, um ihre Schwierigkeiten auszugleichen: ständiges Kontrollieren, übermäßig gründliche Vorbereitung oder starre Routinen.

Nach außen können sie dadurch organisiert wirken, obwohl die Bewältigung des Alltags viel Kraft kostet.

Solche Kompensations- und Maskingstrategien werden inzwischen auch direkt bei Mädchen und Frauen mit ADHS untersucht.

Eine qualitative Studie aus dem Jahr 2025 befragte zwölf junge Erwachsene mit ADHS zu ihren Erfahrungen in der Kindheit. Zehn identifizierten sich als Frauen, zwei als nichtbinär; alle waren bei der Geburt weiblich zugeordnet worden. Eines der vier zentralen Themen war ausdrücklich „Masking und Kompensation“.⁶

Die Teilnehmenden beschrieben unter anderem, dass sie:

  • absichtlich ruhig blieben, um nicht aufzufallen,
  • so taten, als würden sie zuhören,
  • das Verhalten anderer beobachteten und nachahmten,
  • umfangreiche Listen und Erinnerungssysteme nutzten,
  • bewusst deutlich zu früh zu Terminen kamen,
  • besonders hohe Ansprüche an ihre eigene Arbeit stellten.

Einige dieser Strategien funktionierten durchaus, waren aber mit erheblichem Aufwand verbunden. Manche Teilnehmerinnen beschrieben, dass Masking und Kompensation erschöpfend waren und mit zunehmendem Alter schwieriger aufrechtzuerhalten waren.⁶

Die Datenlage ist trotzdem noch klein. Die Studie umfasste nur zwölf Personen, alle relativ spät diagnostiziert, und zehn der zwölf hatten eine Universität besucht. Dadurch könnte die Stichprobe gerade Menschen überrepräsentieren, die besonders ausgeprägte Kompensationsstrategien entwickelt haben.⁶

Auch ältere Arbeiten zu diesem Thema beruhen überwiegend auf qualitativen Berichten. Das Konzept des Masking ist bei Autismus deutlich besser untersucht als bei ADHS.

Als mögliche Erklärung für manche späte Diagnosen ist es plausibel. Es taugt aber nicht dazu, im Nachhinein jedes unauffällige Verhalten als versteckte ADHS zu deuten.

Was eine späte Diagnose für Betroffene bedeutet

Eine systematische Übersicht aus Kanada hat Studien zu Frauen zusammengefasst, die ihre ADHS-Diagnose erst als Erwachsene erhielten.⁴

Darin tauchten vier Themen immer wieder auf:

  • Belastungen im sozialen und emotionalen Bereich, etwa ein geringes Selbstwertgefühl und das Gefühl, „anders“ zu sein.
  • Schwierige Beziehungen in Familie und Partnerschaft.
  • Der Eindruck, wenig Kontrolle über das eigene Leben zu haben.
  • Erleichterung und mehr Selbstakzeptanz nach der Diagnose.

In sechs der acht eingeschlossenen Arbeiten berichteten Frauen nach der Diagnose von Erleichterung oder größerer Selbstakzeptanz. Schwierigkeiten, die sie jahrelang als persönliches Versagen gedeutet hatten, bekamen eine mögliche Erklärung.⁴

Die Übersicht stützt sich allerdings auf nur acht Arbeiten. Viele hatten kleine Stichproben und verwendeten vor allem Interviews oder Selbstberichte. Auch Erinnerungen an die Kindheit wurden häufig rückblickend erhoben, was Verzerrungen begünstigen kann. Die Autorinnen betonen deshalb selbst, dass sich aus der vorhandenen Forschung keine endgültigen Schlussfolgerungen ziehen lassen.⁴

Die Ergebnisse zeigen also typische Erfahrungen, keine gesicherten Häufigkeiten.

Und eine Diagnose erklärt nicht automatisch jede Schwierigkeit. Andere psychische oder körperliche Ursachen bleiben auch danach ernst zu nehmen.

Hormone und ADHS: viel Interesse, wenig Daten

Östrogen und Progesteron beeinflussen verschiedene Botenstoffsysteme im Gehirn, darunter Dopamin, Serotonin und Noradrenalin.

In präklinischen Studien beeinflusst Östrogen das dopaminerge System unter anderem, indem es die Dopaminbildung steigert und Wiederaufnahme und Abbau beeinflusst.⁵ Daraus ergibt sich die naheliegende Frage, ob hormonelle Schwankungen ADHS-Symptome verstärken oder abschwächen können.

Ein australisches Forschungsteam hat 2025 systematisch nach Studien zu dieser Frage gesucht, über einen Zeitraum von mehr als vier Jahrzehnten.

Gefunden wurden nur elf Studien. Vier davon wurden bei der methodischen Qualitätsbewertung als unzureichend eingestuft.⁵

Insgesamt deuten die Ergebnisse auf einen möglichen Zusammenhang hin. Wie belastbar das ist, hängt allerdings stark von der jeweiligen Lebensphase und vom Studiendesign ab.

Pubertät

Zur Pubertät gab es drei Studien mit widersprüchlichen Ergebnissen:

  • In einer Langzeitstudie über acht Jahre nahm die Hyperaktivität bei Mädchen mit fortschreitender Pubertät ab. Unaufmerksamkeit und Impulsivität veränderten sich nicht.
  • Eine Untersuchung an Studentinnen fand einen Zusammenhang zwischen früher Pubertät und stärkeren Unaufmerksamkeitswerten.
  • Eine chinesische Studie mit Schülerinnen fand dagegen keinen Zusammenhang zwischen früher erster Regelblutung und ADHS.⁵

Die Studien sind allerdings nur eingeschränkt miteinander vergleichbar.

Zwei der drei Arbeiten verwendeten keine klinisch bestätigte ADHS-Diagnose. In einer Studie wurden ADHS-Symptome lediglich mit einem Fragebogen erfasst, in einer anderen handelte es sich um eine nichtklinische Stichprobe. Eine der drei Studien wurde im Review zudem methodisch als unzureichend bewertet.⁵

Widersprüchliche Ergebnisse bedeuten hier also nicht zwangsläufig, dass sich drei gleich starke Studien gegenseitig aufheben. Dafür sind die Designs zu unterschiedlich.

Menstruationszyklus

Zum Zyklus gab es vier Studien.

Drei davon beruhen auf sehr kleinen Stichproben: ein Fallbericht über eine einzelne Patientin sowie qualitative Untersuchungen mit neun und zehn Frauen.

Die Befragten beschrieben, dass sich Konzentration, Gefühlsregulation und Organisationsfähigkeit vor und während der Menstruation verschlechterten. Einige berichteten außerdem, dass ihre Medikamente in dieser Zeit weniger wirksam erschienen.⁵

In der Studie mit neun Frauen wurde die Psychostimulanzien-Dosis vor der Menstruation erhöht. Alle neun berichteten anschließend über eine Verbesserung der ADHS- und Stimmungssymptome.⁵

Ohne Kontrollgruppe ist das aber ein erster Hinweis, keine Behandlungsempfehlung.

Wer Ähnliches bei sich beobachtet, sollte das mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprechen.

Die einzige Studie mit wiederholt gemessenen Hormonwerten untersuchte 32 Studentinnen ohne klinische ADHS-Diagnose. Die Teilnehmerinnen waren anhand hoher Werte in einem Fragebogen zu impulsiven Persönlichkeitseigenschaften ausgewählt worden; ADHS-Symptome wurden zusätzlich per Selbstbericht erfasst.⁵

Bei Frauen mit hoher Impulsivität gingen niedrige Östrogenwerte in Kombination mit hohen Progesteronwerten mit stärkeren ADHS-Symptomen einher. Besonders auffällig war dabei die frühe Lutealphase kurz nach dem Eisprung.⁵

Nicht jede Frau mit ADHS erlebt solche Schwankungen, und nicht jede zyklusabhängige Konzentrationsschwäche hat etwas mit ADHS zu tun.

Schwangerschaft und Wochenbett

Zur Schwangerschaft fand das Review genau eine Studie mit 25 Frauen.

Sie wurden danach eingeteilt, ob sie ihre Psychostimulanzien:

  • normal weiter einnahmen,
  • nur bei Bedarf verwendeten,
  • oder vollständig absetzten.⁵

Bei den Gesamtwerten der ADHS-Symptome unterschieden sich die Gruppen nicht signifikant.

Bei den Frauen, die ihre Medikamente vollständig abgesetzt hatten, entwickelten sich die depressiven Symptome im Verlauf allerdings ungünstiger als bei den beiden anderen Gruppen. Auch bei der Hyperaktivität zeigten sich Unterschiede zwischen einzelnen Gruppen.⁵

Bei einer Stichprobe von 25 Personen sollte man daraus allerdings keine weitreichenden Schlussfolgerungen ziehen.

Studien zur Zeit nach der Geburt, die Hormone und ADHS-Symptome direkt gemeinsam untersuchen, wurden im Review nicht gefunden. Es gibt Hinweise darauf, dass Frauen mit ADHS nach der Geburt häufiger Depressionen und Angststörungen entwickeln als Frauen ohne ADHS. Wie groß dabei der Anteil hormoneller Veränderungen ist, lässt sich daraus aber nicht ableiten.⁵

Gerade in dieser Lebensphase lassen sich hormonelle Veränderungen ohnehin nur schwer von Schlafmangel, körperlicher Belastung und der veränderten Lebenssituation trennen.

Perimenopause und Menopause

Viele Frauen berichten in den Wechseljahren über Probleme mit Konzentration und Gedächtnis, und manche Fachleute beobachten, dass sich eine bestehende ADHS in dieser Zeit verschlechtert.

Der systematische Review fand jedoch keine empirische Studie, die ADHS während der Menopause direkt untersucht hatte.⁵

Hinzu kommt ein methodisches Problem.

Der sogenannte „Brain Fog“ mit Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten gehört auch bei Frauen ohne ADHS zu den häufig berichteten Beschwerden der Wechseljahre.

Deshalb ist schwer zu unterscheiden, ob sich eine bestehende ADHS tatsächlich verschlechtert oder ob Beschwerden auftreten, die ihr lediglich ähneln.

Konzentrationsprobleme in dieser Lebensphase sollten deshalb nicht vorschnell als ADHS oder als hormonell verstärkte ADHS gedeutet werden.

Was das für die Diagnostik bedeutet

Für eine gute ADHS-Diagnostik bei Frauen ist vor allem der Blick zurück wichtig.

Hilfreich sind unter anderem diese Fragen:

  • Gab es schon in Kindheit und Jugend Probleme mit Konzentration und Organisation, auch wenn sie damals niemandem aufgefallen sind?
  • Wurden zuerst Depressionen oder Ängste behandelt?
  • Kostet es auffallend viel Kraft, den Alltag zu bewältigen?
  • Werden Schwierigkeiten durch ausgeprägte Kompensationsstrategien verdeckt?
  • Gibt es Hinweise auf Autismus oder andere neuroentwicklungsbedingte Besonderheiten?
  • Schwanken die Beschwerden mit dem Zyklus oder in bestimmten Lebensphasen?

Keine dieser Fragen beweist für sich genommen eine ADHS.

Zusammen können sie helfen, die Entwicklung über viele Jahre nachzuvollziehen.

Die Wales-Studie legt nahe, bei Mädchen und Frauen mit Depressionen oder Ängsten gezielt auch an ADHS zu denken.¹

Die Meta-Analyse liefert ein zusätzliches Argument: Fragebögen allein bilden das Bild offenbar anders ab als ein ausführliches klinisches Interview.³

Und die neuere qualitative Forschung zeigt, dass auch Kontext und Kompensationsstrategien eine Rolle dabei spielen können, wie sichtbar ADHS-Symptome für andere sind.⁶

Fazit

Dass ADHS bei Frauen heute ernster genommen wird, ist ein echter Fortschritt. Die Forschung zeigt aber auch, wie dünn die Datenlage an manchen Stellen noch ist.

Gut belegt ist, dass Mädchen und Frauen im Schnitt später diagnostiziert werden. Große Versorgungsstudien zeigen außerdem, dass bei ihnen vor der ADHS-Diagnose häufiger bereits andere psychische Diagnosen dokumentiert sind.¹

Ebenfalls gut belegt ist, dass die Unterschiede in den klassischen ADHS-Symptomen zwischen Frauen und Männern deutlich kleiner sind, als lange angenommen wurde. In strukturierten klinischen Interviews finden sich kaum relevante Unterschiede in der Symptomschwere.³

Deutlich weniger gesichert ist vieles, was in Ratgebern oft als Tatsache erscheint:

  • dass Frauen fast immer den unaufmerksamen Typ haben,
  • dass Masking der Hauptgrund für späte Diagnosen ist,
  • oder dass sich ADHS in den Wechseljahren regelmäßig verschlechtert.

Manche Frauen mit ADHS sind vor allem unaufmerksam, andere deutlich impulsiv oder hyperaktiv. Manche entwickeln ausgeprägte Kompensationsstrategien, andere kaum. Manche spüren starke Schwankungen im Zyklus, andere gar keine.

Welche Rolle Geschlecht, gesellschaftliche Erwartungen, Kompensation und Hormone genau spielen, wird die Forschung der kommenden Jahre noch genauer klären müssen.

Quellen

1. Martin J, Langley K, Cooper M, Rouquette OY, John A, Sayal K, Ford T, Thapar A. Sex differences in attention-deficit hyperactivity disorder diagnosis and clinical care: a national study of population healthcare records in Wales. Journal of Child Psychology and Psychiatry. 2024;65(12):1648–1658. doi:10.1111/jcpp.13987.

2. Mestres F, Richarte V, Crespín JJ, Torrent C, Biel S, Ramos C, et al. Sex differences in adults with attention-deficit/hyperactivity disorder: A population-based study. European Psychiatry. 2025;68(1):e90. doi:10.1192/j.eurpsy.2025.2441.

3. Young S, Uysal O, Kahle J, Gudjonsson GH, Hollingdale J, Cortese S, et al. A systematic review and meta-analysis comparing the severity of core symptoms of attention-deficit hyperactivity disorder in females and males. Psychological Medicine. 2024;54:3763–3784. doi:10.1017/S0033291724001600.

4. Attoe DE, Climie EA. Miss. Diagnosis: A Systematic Review of ADHD in Adult Women. Journal of Attention Disorders. 2023;27(7):645–657. doi:10.1177/10870547231161533.

5. Osianlis E, Thomas EHX, Jenkins LM, Gurvich C. ADHD and Sex Hormones in Females: A Systematic Review. Journal of Attention Disorders. 2025;29(9):706–723. doi:10.1177/10870547251332319.

6. Williams T, Barclay I, Bevan-Jones R, Livingston LA, Agha SS, Ford T, John A, Sayal K, Thapar A, Martin J. Reflections on the manifestation of attention-deficit hyperactivity disorder in girls from young adults with lived experiences: a qualitative study. The British Journal of Psychiatry. 2025;227(5):775–782. doi:10.1192/bjp.2025.10376.

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